Gastkommentar Digitale Alchemisten

Immer mehr Menschen glauben, sich mithilfe von Fitness-Armbändern und Selbstoptimierungs-Apps veredeln zu müssen. Das ist gefährlich, denn es entzieht dem Einzelnen die Entscheidung, was für ihn gut ist.

Von Stefan Selke

Obwohl es bereits mehrere Hundert Jahre her ist, dass ein Schweizer Uhrmacher den ersten mechanischen Schrittzähler baute, ist das Prinzip bis heute dasselbe: Kleine Messgeräte werden am Körper getragen und zeichnen die Erschütterungen auf, die bei jedem Schritt auftreten. Doch im Unterschied zu den mechanischen Pedometern, die einer Taschenuhr zum Verwechseln ähnlich sehen, arbeiten die heutigen Schrittzähler digital. Und sie messen und speichern längst nicht mehr nur die Zahl der zurückgelegten Schritte oder den Puls - das können sogenannte Fitness-Tracker und Smartwatches, wie derart tragbare Geräte inzwischen genannt werden, auch schon seit ein paar Jahren. Nein, inzwischen hat die Selbstvermessung des modernen Menschen eine ganz andere Dimension erreicht. Eine neue App analysiert zum Beispiel die Stimmung des Benutzers und stimuliert über eine Art Pflaster dessen Nerven - damit dieser sich schneller entspannt und besser einschläft.

Fitness-Armbänder und smarte Uhren boomen. Im ersten Quartal dieses Jahres verkaufte die Industrie fast 25 Millionen Geräte weltweit. Noch nie war es dem Menschen so einfach und umfassend möglich, sich zu überwachen. Bei all dieser Technikeuphorie gerät jedoch aus dem Blick, dass der Trend langfristig auch viele Verlierer produziert.

Seit fast jeder Aspekt des Lebens in eine Kennzahl verwandelt werden kann, werden Daten immer häufiger kommerzialisiert. Ein eher harmloses Beispiel: In manchen Ländern bieten Kfz-Versicherungen Rabatte, wenn Versicherte Daten über das eigene Fahrverhalten übermitteln - wer regelmäßig rast, denunziert sich damit automatisch selbst. Auch vor dem Thema Gesundheit machen Daten-Deals nicht halt. Die Schweizer Krankenversicherung CSS zahlt umgerechnet knapp 40 Cent Belohnung für jeden Tag, an dem der Versicherte nachweisen kann, dass er mindestens 10 000 Schritte gegangen ist. Die Motivation liegt auf der Hand: Bewegung ist gesund, und gesunde Versicherte kosten weniger Geld. Doch es geht noch weiter: Schon heute sammeln manche Betriebe Bewegungsdaten der Mitarbeiter, Dienstleister verdichten diese Daten zu Gesundheitsnoten. Damit erhöht sich der Druck auf Mitarbeiter, vernünftig zu leben - wobei der Mensch nicht mehr selbst bestimmt, was für ihn vernünftig ist. Das übernimmt - je nach Modell - der Arbeitgeber, die Versicherung, eines Tages womöglich der Staat.

Daten- und Verbraucherschützer reagieren mit Recht skeptisch auf die zunehmende Selbstvermessung des Menschen in allen Lebenslagen. Sie befürchten, dass es zu Informations- und Machtasymmetrien zwischen den Datenlieferanten auf der einen und gierigen, Daten verarbeitenden Organisationen auf der anderen Seite kommt. Diese Ungleichgewichte haben auch etwas damit zu tun, dass Daten niemals nur für sich stehen: Die Überwachung der gelaufenen Schritte bliebe sinnlos, wenn niemand definierte, wie viele Schritte man pro Tag gehen soll. Ob der eigene Ruhepuls gut ist, ergibt sich nur im Vergleich mit den Werten anderer Nutzer. Wer einem solchen System Daten liefert, ordnet sich fast immer einer Fremdbewertung seiner Ergebnisse unter. In diesem Sinne hat die massenhafte Erfassung von Daten nicht viel Verbindendes, dafür umso mehr Trennendes. Daten zeigen den Menschen nicht ihre Gemeinsamkeiten auf, sondern zunächst ihre Unterschiede. Sie führen zu Ranglisten und Konkurrenz.

Zu leben bedeutet immer öfter, sich den Bedingungen des Wettbewerbs ständig anzupassen

Obwohl viele die Risiken sehen, hält der Trend an. Etliche Selbstoptimierer scheinen sich an Warnungen nicht zu stören, im Gegenteil. Dafür gibt es eine Erklärung: Digitale Selbstveredelung ist die Rückkehr des alchemistischen Prinzips in zeitgemäßer Verpackung. Alchemisten hingen der Idee an, mittels geheimer Umformungen unedle Stoffe in edle Essenzen zu verwandeln. Heute geht es nicht mehr um die Verwandlung von Blei in Gold, sondern um die vermeintliche Verbesserung des Menschen. In der Selbstvermessungsszene, die sich "Quantified Self" nennt, ist der suboptimale Mensch Ausgangspunkt aller Überlegungen. Glaubt man Gerry Wolf, einem Begründer der Szene, so brauchen Menschen die Hilfe von Maschinen: Algorithmen helfen angeblich dabei, die Lebensführung noch rationaler zu gestalten. Digitale Gurus versprechen, dass das neue Heil in Daten liegt und Daten im Wettbewerb um Jobs, Gesundheit und Partner zu maximalem Erfolg verhelfen.

Für das Menschenbild ist diese Entwicklung fatal. Denkt man die Logik der Selbstoptimierung zu Ende, bedeutet zu leben immer häufiger nur, sich den wechselnden Wettbewerbsbedingungen wie eine Maschine kompromisslos anzupassen. Dabei sind die Prinzipien, nach denen viele Menschen ihr Leben ausrichten, oft ähnlich: ein Job mit hohem Ansehen und gutem Gehalt, ein attraktiver Partner, ein gesunder und leistungsfähiger Körper, ein langes Leben. So gesehen zerstört Selbstoptimierung die Vielfalt von Menschen und Lebensformen und erzeugt das genaue Gegenteil einer sozial inklusiven Gesellschaft. Der mögliche Endpunkt kollektiver Selbstoptimierung sind kopierte Existenzen.

Daher ist ein Bekenntnis zum humanistischen Menschenbild nötig, das die Gemeinsamkeiten betont. Dazu gehört die Vorstellung, dass jedem Menschen trotz aller Unterschiede Würde zuerkannt werden muss. Setzt sich hingegen ein algorithmisches Menschenbild durch, werden messbare Unterschiede hervorgehoben, die zu vermeintlich rational ableitbaren Diskriminierungen führen. Dabei gibt es ein Gegenmittel gegen falsche Vergleiche: Wird uns eingeredet, nur durch Selbstveredelung gut genug zu sein, so bedeutet die Tatsache, sich zu akzeptieren, wie man ist, den ersten Akt einer Rebellion gegen das Diktat der digitalen Alchemie.

Stefan Selke, 49, ist Professor für gesellschaftlichen Wandel an der Hochschule Furtwangen und Mitglied der Verbraucherkommission Baden-Württemberg.