Gastkommentar Deutscher Liebeskummer

Was Walter Dirks über die Neue Rechte schrieb, ist noch heute gültig.

Von Christian Bommarius

Manches trennt die sogenannten etablierten Parteien in Deutschland, eines aber kettet sie, wie Nationalisten wissen, zusammen, unverbrüchlich wie der Treueschwur einer Ganovenbande. Es ist nicht ihr gemeinsames Bekenntnis zur Demokratie - das würden ihnen die knastrigen Deutschen zur Not verzeihen. Es ist auch nicht ihr Eintreten für die Menschenwürde als Höchstwert der Verfassung - derlei Firlefanz verdient keine Beachtung, wenn ein deutsches Herz vor Liebe zum Vaterland erglüht. Es ist nicht einmal ihre verstörende Absage an Antisemitismus und Islamophobie, sie ist unter Protest zu ertragen - auch wenn sie für den bemützten deutschen Michel in absehbarer Zeit unvermeidlich und parallel zur Unterjochung des christlichen Abendlands unter Kipa und Kopftuch führen wird.

Was aber die Parteien untrennbar verbindet und verbündet und sie für jeden seines Volktums bewussten Deutschen verächtlich macht, das ist die kalte Schulter, die sie den Deutschen zeigen, und die Wärme, die sie für alle verspüren, wenn sie nur fremd und anderssprachig sind, nicht Hans Grimm, nicht einmal Hölderlin gelesen haben und sich nicht an unvergleichlichen deutschen Würstchen delektieren, umso mehr aber an jungen deutschen Frauen. Die etablierten Parteien, so sagte es jüngst der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland, "lieben die Fremden, nicht uns, nicht euch, nicht die Deutschen."

Die Klage über die Liebesverweigerung der deutschen Politiker gegenüber den Deutschen und dem deutschen "Volktum" (Hans Grimm, Autor des auch von den Nationalsozialisten hochgeschätzten völkischen Bestsellers "Volk ohne Raum") ist ein altes Lied. Es wurde nur wenige Jahre nach dem Ende des NS-Staats wieder populär, damals - im Wahlkampf zum ersten Bundestag im Sommer 1949 - schrien es sich die Vertreter der Parteien gegenseitig in die Ohren. Der unausgetriebene, von den Siegermächten nur für kurze Zeit ins Abseits gedrängte Nationalstolz der Deutschen kehrte derart vital ins kollektive Bewusstsein zurück, dass Thomas Mann die "Renazifikation" der Bundesrepublik innerhalb der nächsten zwei Jahre erwartete. In ausnahmslos allen Parteien erstarkten nationalistische Strömungen, die FDP drohte von alten Nationalsozialisten unterwandert zu werden.

Im Juli 1949 machte sich der katholische Publizist Walter Dirks, mit Eugen Kogon Herausgeber der Frankfurter Hefte, Gedanken über die politische Lage Westdeutschlands vier Jahre nach Ende des Krieges. Er fragte, "Was ist es mit der ,Neuen Rechten'", und er fand darauf folgende Antwort: Es sei klar, dass schon in den nächsten Jahren die Wähler der Neuen Rechten "aus dem Schmollwinkel" heraustreten und sich politisch formieren werden. "Man rechnet überall mit ihnen. Sie spielen bereits mit; denn sie beschäftigen die Phantasie aller Parteiführer und beeinflussen gelegentlich die Färbung ihrer Reden."

Das wichtigste politische "Gefühlselement" der Neuen Rechten werde der Nationalismus sein. Diese "Religion der vergangenen Epoche" sei "wieder unheimlich aktuell" geworden, offenbar könne die nationalistische Gefahr in Deutschland "nur sehr schwer überwunden" werden: "Noch stehen neben der überzeugten antinationalistischen Minderheit die meisten überzeugungslosen, aber verständigen Egoisten als ,Realpolitiker' im Lager der Zusammenarbeit mit dem Ausland, - sei es als ,Europäer', sei es als national gebundene, aber realistische Verständigungspolitiker." Es sei anzunehmen, dass diese "Koalition der Kräfte" einen offenen Ausbruch des Nationalismus verhindern werde: "Ganz sicher ist eine solche Annahme freilich nicht."

Ein Teil der nationalistischen Impulse werde "zweifellos" in die Politik aller Parteien einströmen: "Das ist ja bereits mit Händen zu greifen." Ein "ehrenwerter" bürgerlicher Nationalismus werde so etwas wie die alte Rechte oder jedenfalls einen koalitionsfähigen Teil der Neuen Rechten bilden: "Die eigentliche Gefahr aber wird die revolutionäre nationalistische Rechte sei, ein Block mehr oder weniger legaler, die demokratischen Spielregeln respektierender und mehr oder weniger klug geführter Parteien." Man könne nicht wünschen, dass sich die sozialen und politischen Voraussetzungen der Neuen Rechten verstärkten. Soweit sie aber im Grunde als "seelische und politische Wirklichkeit" schon oder noch da sei, müsse man wünschen, dass sie sichtbar werde: "Damit sie die bestehenden Parteien nicht belaste und verfälsche." Diese Gedanken machte sich der Publizist Walter Dirks über die Gegenwart des Jahres 1949. Er hat die Zukunft Deutschlands, die Gegenwart des Jahres 2018, sehr genau beschrieben.

Die "Religion der vergangenen Epoche" findet heute so viele Gläubige wie seit 70 Jahren nicht. Sie ist dem deutschen Geist verpflichtet, wie er von Hans Grimm, einem der ersten Kritiker der jungen Bundesrepublik, in seiner "Erzbischofschrift" 1950 verkündet wurde: "Der Parlamentarismus dieses konstruierten Staates samt seiner angeblichen Demokratie und samt seiner angeblich freien Äußerung der Volksmeinung auch in internen Dingen sind eine Konstruktion." Nicht zu vergessen: "In diesem Staate gibt es (1949) keine Presse, die die Stimme deutscher ,Volkheit' ganz zum Ausdruck brächte oder bringen dürfte." So kam die Klage über die deutsche "Lügenpresse" in die Welt und über die fehlende Liebe der Politiker zur deutschen "Volkheit".

Christian Bommarius, 59, ist Publizist und Träger des Heinrich-Mann-Preises 2018.