Gastbeitrag Es sind nicht nur weiße Männer, die hinter Trump stehen

Vom klassischen Konservativen über Ultra-Handelsliberale bis hin zu Identitären - Trump hat viele Unterstützer.

(Foto: dpa)

Wer sind die Wähler, die die Weltsicht des US-Präsidenten teilen, und was treibt sie? Fest steht, die Wählerschaft ist differenzierter als bisher angekommen.

Von Constanze Stelzenmüller

Wie soll sich Europa auf das verlässlich unberechenbare Phänomen Trump einstellen? Ein Jahr nach dem Antritt des 45. Präsidenten der USA halten sich auf beiden Seiten des Atlantiks Erschöpfung, Faszination und Grausen die Waage. Aber eine gewisse Erleichterung ist auch nicht zu verkennen: Alles nur halb so schlimm, lautet eine nicht nur in Washington, sondern auch in vielen europäischen Hauptstädten verbreitete Meinung.

Als Beweis werden vor allem Dinge angeführt, die im vergangenen Jahr nicht passiert sind: Es gibt die Nato noch, das Iran-Abkommen ist nicht gekündigt, und es gibt bisher keinen Handelskrieg mit der EU, oder einen Schießkrieg mit Nordkorea. Und, bitteschön: Der Präsident hat doch die Truppen an der Nato-Ostgrenze aufgestockt und (spät und erkennbar widerwillig) die gegenseitige Verteidigungsklausel im Artikel 5 des Nato-Vertrags anerkannt.

Im Weißen Haus, im State Department und im Pentagon geben sich viele Spitzenbeamte und ihre Mitarbeiter tagein, tagaus redliche Mühe, die Alliierten zu beruhigen. In den Gerichten, den Medien und der Öffentlichkeit wird täglich Kritik geübt und Widerstand geprobt. Gouverneure und Bürgermeister landesweit experimentieren jetzt erst recht mit Klimaschutz und erneuerbaren Energien - auch mit Rat von Europäern. Und der Präsident gründelt nach wie vor in einem historischen Zustimmungstief von 41 Prozent.

Darum unterstützen so viele Amerikaner weiter Donald Trump

Ein Jahr nach seinem sensationellen Sieg erhält der US-Präsident gute Noten von seinen Anhängern. Das versteht nur, wer akzeptiert, dass Trump nicht nur von weißen, wütenden, rassistischen Männern gewählt wurde. Von Matthias Kolb mehr ...

Das ist alles richtig, und irgendwie auch angenehm sedierend. Das Problem ist bloß, dass dies eine höchst selektive Wahrnehmung der Wirklichkeit ist. Denn wahr ist gleichzeitig: Dieser Präsident ist der erste, der die jahrzehntelang von den USA garantierte liberale Weltordnung grundsätzlich infrage stellt, als "schlechten Deal", bei dem Amerika selbst von seinen Freunden übers Ohr gehauen wird.

Folgerichtig sprechen die neuen Strategiedokumente seiner Regierung von einer Welt, die statt auf Kooperation zum Nutzen aller auf dem Wettbewerb der Mächte gründet - bei dem es notwendig nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer gibt. Trump spekuliert öffentlich über den Einsatz von Atomwaffen und die Machbarkeit von Kriegen. Von der Nato hält er nicht viel, von der EU noch weniger, auch Deutschland bleibt ihm wohl suspekt. Der glühende Kern seiner "America first"-Doktrin aber ist der Zorn gegen die Globalisierung. Als wäre die weltweite Verflechtung und Mobilität von Menschen, Gütern, Daten und Ideen statt einer wirtschaftlichen Tatsache mit Licht- und Schattenseiten nichts weiter als eine perverse Ideologie, die es zu bekämpfen gelte.

Aber wo kommen eigentlich die immerhin 41 Prozent her, die diese Weltsicht teilen, oder zumindest tolerieren? Und muss man nicht die Möglichkeit in Betracht ziehen, es könnten noch viel mehr sein, wenn der Präsident etwas, nun ja, konventioneller aufträte?