Der Öko-Unternehmer Karl Ludwig Schweisfurth spricht über das agroindustrielle System - und sagt, was der Verbraucher tun kann.
Karl Ludwig Schweisfurth, 66, ist Metzgermeister und Unternehmer. Nachdem er jahrzehntelang das Familienunternehmen "Hertawurst" zu einem der größten Konzerne der Branche ausgebaut hatte, brach er 1985 mit seiner Vergangenheit als Fleischindustrieller und gründete die ökologisch wirtschaftenden "Hermannsdorfer Landwerkstätten" bei Glonn im Landkreis Ebersberg. Er ist Träger der Bayerischen Staatsmedaille für aktiven Umweltschutz.
Karl Ludwig Schweisfurth (© Foto: oh)
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SZ: Woran denken Sie bei dem Wort Gammelfleisch?
Schweisfurth: An verdorbenes Fleisch, das man niemals essen würde, wenn man genau hinschaut, riecht, fühlt. An der Metzgertheke kann man sich ja selbst überzeugen, ob Fleisch noch gut ist. Aber seit es tiefgekühlt verkauft wird, ist der Verderb mit den eigenen Sinnen nicht mehr feststellbar. Also führte man das Mindesthaltbarkeitsdatum ein.
SZ: Und das ist im Fall Bruner weit überschritten. Was lief falsch?
Schweisfurth: Der Skandal liegt begründet in dem agroindustriellen System, das wir in den vergangenen dreißig, vierzig Jahren aufgebaut haben. In der Fleischherstellung regieren industrielle Methoden, Automation und Spezialisierung. Tiere sowie Fleisch werden in jedem Bearbeitungszustand kreuz und quer durch Europa gekarrt, von einem Spezialbetrieb in den nächsten. Dabei liefert sich der Handel einen unglaublichen Preiskampf. Die "Lidlisierung" bestimmt unsere Wirtschaft und unser Leben. Jeder, der an diesem Prozess beteiligt ist, steht unter dem Druck, zu sparen, zu sparen, zu sparen. Ergebnis: Die Qualität wird immer schlechter.
SZ: Sagt der Skandal auch etwas aus über das Verhältnis von Mensch zu Tier?
Schweisfurth: Damit hat er unmittelbar zu tun, weil die Tiere nur als Ding, als Ware wahrgenommen werden. Erkennt man dagegen an, dass sie lebendige, fühlende Lebewesen sind, Mitgeschöpfe im christlichen Sinn, dann geht man anders mit ihnen um: bietet ihnen einen anständigen Lebensraum, gesteht ihnen so viel Freiheit zu wie möglich, gibt ihnen Gutes zu Essen und sorgt für einen achtsamen Tod.
SZ: Da dies nur selten geschieht: Sollen Verbraucher ins Wirtshaus gehen und statt Schweinsbraten lieber Knödel mit Rahmschwammerl bestellen?
Schweisfurth: Mein Rat wäre: genau hinschauen. Nachfragen, woher das Fleisch kommt. In Erfahrung bringen, wie es entstanden ist und gemacht wurde. Und nicht einfach blind vertrauen.
SZ: Reichen staatliche Kontrollen nicht aus?
Schweisfurth: Der Staat und die Lebensmittelüberwachung sind doch hoffnungslos überfordert. Bei dieser atomisierten Fleischwirtschaft müssten ja ganze Bataillone von Kontrollpersonen unterwegs sein und den Lastzügen folgen, die von einem Spezialbetrieb zum andern über den Kontinent donnern. Nein, ich bedaure die Politiker, die jetzt gescholten werden. Dabei laufen sie doch nur dem System hinterher! Wirklich erwägenswert finde ich, die Strafen zu erhöhen. Damit die Angst, erwischt zu werden, größer wird.
SZ: Empfinden Sie nicht auch einen kleinen Triumph? Schließlich hat die Ökobranche schon immer von Lebensmittelskandalen profitiert.
Schweisfurth: Nein, das wäre zu billig. Wo Menschen sind, werden Fehler gemacht. Aber ich wünsche mir, dass sich etwas ändert. Es ändert sich ja bereits, ganz langsam. Der Verbraucher kann dabei helfen, indem er ganz genau hinschaut, was er kauft und zu sich nimmt.
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(SZ vom 5.9.2006)
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