Von Jörg Häntzschel

Als Gaddafi im Juli in Rom weilte, schlug er sein Zelt im Garten der Villa Pamphili auf. In New York wird er bald vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen sprechen. Dort hat man für Gaddafis Beduinen-Bräuche wenig Sinn.

Am liebsten hätte Gaddafi sein nomadisches Hauptquartier im Central Park aufgeschlagen, doch das lehnte die Stadt ab. Dann schlug er ein großes Anwesen in Englewood/New Jersey vor, das ursprünglich als Residenz des libyschen UN-Botschafters diente, aber seit zehn Jahren leersteht. Sofort nach der Ankündigung begannen Gärtner, das verwilderte Grundstück herzurichten. Bauarbeiter setzten der 25-Zimmer-Villa "Thunder Rock", die mit ihrer Fassade aus wuchtigen Felsbrocken alles andere als nomadisch wirkt, ein neues Dach auf.

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In New York darf der libysche Revolutionsführer Muammar el Gaddafi sein Beduinenzelt nicht aufschlagen. (© Foto: Reuters)

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Doch kaum hatten die Vorbereitungen begonnen, zeichnete sich ab, dass der Gast aus der Wüste in dem friedlichen Vorort mit 30.000 Einwohnern einen kleinen Religionskrieg unter Nachbarn auslösen würde. Englewood ist der Sitz einer großen Gemeinde orthodoxer Juden. Und deren größte Talmudschule liegt unmittelbar neben dem libyschen Grundstück an der Palisades Avenue.

Ein anderer Nachbar ist Rabbi Shmuley Boteach, der sich "Amerikas Rabbi" nennt, bei Oprah Winfrey auftritt, Michael Jackson spirituell beraten und das Buch "Kosher Sex" geschrieben hat. Boteach machte sich zum Sprecher der empörten Nachbarschaft: "Es ist sehr enervierend, wenn bei Ihnen nebenan ein Finanzier des internationalen Terrorismus einzieht", meinte er bei einer Pressekonferenz in seinem Garten. Er rief mit drei weiteren Rabbis und Bürgermeister Michael Wildes zu einer Demonstration gegen den Besuch auf. Die Anschläge, die Gaddafi unterstützt habe, hätten sich nicht nur gegen US-Bürger, sondern oft auch gegen jüdische Interessen gerichtet.

Dass kurz zuvor Abdelbasset Ali al-Megrahi, einem der Drahtzieher des Anschlags auf den PanAm-Flug 103, in Libyen ein herzlicher Empfang bereitet wurde, nachdem er vorzeitig aus einem schottischen Gefängnis freigekommen war, frischte den amerikanischen Hass auf den sich zuletzt geläutert gebenden Gaddafi auf. Bei dem Anschlag über dem schottischen Lockerbie 1988 waren 270 Menschen ums Leben gekommen.

Weil klar war, dass man Gaddafi seinen Aufenthalt in "Thunder Rock" nicht verbieten kann, taten die Leute in Englewood das, was man mit ungeliebten Nachbarn immer tut. Man kommt ihnen mit Vorschriften: Die Libyer hätten zehn Bäume ohne Genehmigung gefällt und einen Metallzaun errichtet, schimpfte Boteach.

Die Stadt erließ eine einstweilige Verfügung, da bei den Bauarbeiten benachbartes Land in Mitleidenschaft gezogen wurde. Und Wildes sagte mit Hinweis auf den Lockerbie-Anschlag: "Ich habe ein Problem mit jemandem, der zugibt, ein Flugzeug in die Luft gesprengt zu haben, in dem 38 Menschen aus New Jersey saßen. Dass wir seinen Müll umsonst wegfahren müssen, ist beleidigend." Am Freitag kam die Entwarnung. Gaddafi werde in einem Hotel in Manhattan wohnen, hieß es.

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(SZ vom 01.09.2009)