Krieg in Libyen Obama lässt Gaddafi abblitzen - UN fordern Feuerpause

Taten zählen, nicht Worte: Die US-Regierung reagiert mit Unverständnis auf einen Brief Muammar al-Gaddafis an Obama, in dem der libysche Machthaber um ein Ende der Nato-Angriffe bittet. Gaddafi lässt derweil weiter die Stadt Misrata beschießen. Die UN zeigen sich besorgt und fordern eine Kampfpause.

Von Reymer Klüver, Washington

Libyens Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi hat US-Präsident Barack Obama in einem dreiseitigen Brief zur Einstellung aller Kampfhandlungen aufgefordert und zur Beendigung des "ungerechten Kriegs gegen ein kleines Volk eines Entwicklungslandes". Der Brief ging am Mittwochmorgen in Washington ein. "Sie sind ein Mann, der genug Mut hat, eine falsche und fehlerhafte Entscheidung zu widerrufen", wandte sich Gaddafi direkt an den US-Präsidenten.

Obama sei in der Lage, "die Nato dauerhaft aus den libyschen Angelegenheiten herauszuhalten". Obama solle das nicht nur um des Friedens und der Völkerfreundschaft willen tun, sondern auch wegen der wirtschaftlichen Kooperation und der Zusammenarbeit beim Anti-Terror-Kampf. Gaddafi wiederholte den Vorwurf, die Rebellen seien von Al-Qaida-Terroristen unterwandert.

In dem Brief redete Gaddafi den US- Präsidenten als "unseren lieben Sohn, Exzellenz, Baraka Hussein Abu oumama" an. Es sei nicht das erste Mal, dass Libyen einer "direkten bewaffneten Aggression" vonseiten der USA ausgesetzt sei, schrieb Gaddafi unter Anspielung auf einen 1986 vom damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan angeordneten Bombenangriff. Gaddafi schrieb, er wolle beten, dass Obama Präsident der USA bleibe und im kommenden Jahr wiedergewählt werde.

Ein Sprecher des Präsidenten machte deutlich, dass das Schreiben nichts an der Haltung der USA ändern werde. Obama hatte Gaddafi vor Beginn der Angriffe zu einem sofortigen Waffenstillstand und zum bedingungslosen Machtverzicht aufgefordert.

Heftige Gefechte um Misrata

Gaddafi müsse sich zu einem Waffenstillstand mit den libyschen Aufständischen bereit erklären und seine Truppen abziehen. Außerdem sei eine Entscheidung "hinsichtlich seines Machtverzichts und seiner Ausreise aus Libyen" fällig. Je früher das Blutbad aufhöre, desto besser für alle.

Die USA hatten bislang die Hauptlast der internationalen Luftangriffe gegen Stellungen der Gaddafi-Truppen getragen, zu Wochenbeginn aber ihre aktive Beteiligung an Kampfeinsätzen beendet. Das Kommando hatte zuvor bereits die Nato übernommen. Clinton sprach dem Militärbündnis ihr volles Vertrauen aus. Die Nato arbeite "bewundernswert" und gewinne Zeit und Raum für die Aufständischen. Allerdings sei es schwierig, Gaddafis Soldaten nur aus der Luft angreifen zu können, während diese in die Städte eindrängen und Scharfschützen auf den Dächern postierten.

Die Vereinten Nationen zeigten sich derweil besorgt um die Bevölkerung der schwer umkämpften Stadt Misrata. Nach 40 Tagen ständiger Gefechte seien die etwa 300.000 Einwohner, sowie Tausende Ausländer und Flüchtlinge in einer verzweifelten Situation. Nahrungsmittel, Wasser, Medikamente und auch Strom und andere grundlegende Dinge seien längst knapp. "Wir stehen mit Hilfsgütern parat", sagte eine Sprecherin der Vereinten Nationen, "Aber wir brauchen eine Feuerpause, um die Sachen zu den Menschen zu bringen, die sie nötig brauchen." Wegen der heftigen Kämpfe könne niemand die Stadt verlassen.

Ein ehemaliger libyscher Minister, der aus Misrata nach Europa geflohne war, unterstützt nun die Opposition. "Gaddafi hat keine Zukunft mehr", sagte Fathi Ben Schatwan über den libyschen Machthaber Muammar el Gaddafi. "Ich werde nun der Opposition helfen, wo ich nur kann." Ben Schatwan floh Ende vergangener Woche unter dem Beschuss von Gaddafi-Truppen aus Misrata; nach einer 20-stündigen Fahrt in einem Fischerboot über das Mittelmeer erreichte er schließlich am Freitag die Insel Malta.