Seehofer und Gabriel Zwei Baumeister der großen Koalition

Der CSU-Chef Horst Seehofer und der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel sind keine Duzfreunde, aber sie respektieren und vertrauen einander - und beide sind unter Druck verlässlich. Auf dem Weg zur großen Koalition haben sie auch innerparteilichen Widerstand gebrochen. Gelingt Schwarz-Rot, ist das vor allem ihr Verdienst.

Von Susanne Höll und Robert Roßmann, Berlin

Sigmar Gabriel ist kein Mann, der sich Illusionen macht. Im Gegenteil. Er rechnet lieber mit dem Schlimmsten, dann kann ihn das Leben nicht enttäuschen. Dass es heikel wird mit einer großen Koalition, für die SPD, aber auch für ihn persönlich, weiß er nur zu gut. Dazu muss er nicht seine Facebook-Seite aufrufen, auf der Hunderte Besucher gegen eine Neuauflage der großen Koalition protestieren - oft bösartig, manchmal sogar hasserfüllt.

An diesem Sonntag wird er Überzeugungsarbeit leisten müssen, auf dem kleinen Parteitag in Berlin. Und dann geht die schwierige Zeit der Koalitionsverhandlungen ja erst richtig los. Kommt Schwarz-Rot tatsächlich zustande, ist das maßgeblich Gabriels Erfolg. Der 54-Jährige hat seine widerstrebende Partei und die Skeptiker in der SPD-Führung bislang mit bemerkenswertem Geschick auf Kurs gebracht. Eine Meisterleistung, sagen selbst Leute, die sich vorher immer wieder über ihn beschwert haben.

Gabriel der Unstete, Gabriel das Irrlicht. In der Parteispitze und im Apparat hatte der Mann aus Goslar nicht ganz grundlos den Ruf eines politischen Zebulon. Zebulon ist der Held der alten Kindertrickfilm-Serie "Das Zauberkarussell", ein Phantasie-Wesen mit Sprungfedern an Stelle der Beine. Sein Erscheinen kündigt Zebulon stets mit einem durchdringenden "Turnikuti, Turnikuta" an, damit auch wirklich jeder weiß, dass er da ist. Ein schillernder Typ, ebenso unterhaltsam wie unberechenbar, immer gut für Überraschungen, nicht nur die der schönen Art.

Und was erlebte die SPD in den Wochen nach der Bundestagswahl? Einen Anti-Zebulon. Für Gabriel stand nach dem enttäuschenden Resultat von nicht einmal 26 Prozent fest, dass es zu einer großen Koalition keine für die SPD passable Alternative gibt. Rot-Rot-Grün? Viel zu riskant. Neuwahlen? Keinesfalls. In Teilen der Partei eilte ihm schon vor dem 22. September der Ruf voraus, um der eigenen Karriere willen nur zu gern Schwarz-Rot zu schmieden. Im Apparat und auch an der Basis wurde sogleich heftiger Widerstand laut, angeführt vom mächtigen und einflussreichen Landesverband Nordrhein-Westfalen.

Doch Gabriel band dessen Vorsitzende, die Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, eng in alle Entscheidungen ein. Der maßgeblich aus NRW erschallenden Forderung nach einem Mitgliedervotum gab er nach; im Wissen, dass ihm die widerborstige Partei sonst nie gefolgt wäre. Und er übte in der Operation Regierungsbildung öffentliche Zurückhaltung - und auch intern große Diskretion. Über die Diskussionen mit Kraft, die grundsätzliche, aber auch landesspezifische Bedenken gegen eine große Koalition hegte, drang nie ein Wort nach außen. Kolportiert wird immer wieder ein Satz von ihm: "Ich mache nichts gegen NRW."

Gabriel hat intern viel Vertrauen erworben

Kraft, die auch Vize-Chefin der Bundespartei ist, beäugte Gabriel zunächst kritisch. Auch sie hat in den vier Jahren Zusammenarbeit in der SPD-Spitze Überraschungen mit dem Vorsitzenden erlebt. Kraft und andere Mitglieder der SPD-Sondierungsdelegation wirkten eingangs eher wie Kontrolleure Gabriels. Als sich die Chefs von CDU, CSU und SPD vor einer Woche zu einem Sechs-Augen-Gespräch im Kanzleramt trafen, fragten manche in der Partei noch, ob Gabriel dort ohne Kraft erscheinen könne. Er konnte. Gabriel hat sich in den vergangenen Wochen intern viel Vertrauen erworben. Das der SPD-Ministerpräsidenten, aber auch das von Frank-Walter Steinmeier. Die Beziehung zu dem Fraktionschef war zwischenzeitlich schwer lädiert.

Die Führung der Sozialdemokraten ist derzeit so geschlossen wie seit langer Zeit nicht mehr. Als Beleg dafür kann Krafts jüngster Fernsehauftritt dienen. Im ZDF erläuterte die einstige Kritikerin der großen Koalition lächelnd und sanft, warum man ein solches Bündnis jetzt guten Gewissens verhandeln dürfte. Ohne Kenntnis der Vorgeschichte hätte man meinen können, Kraft sei von Anfang an eine Verfechterin von Schwarz-Rot gewesen und nun beglückt, dass die Leute ihr folgten. Auf die Frage, wie dieses politische Wunder bewirkt wurde, entgegnen namhafte Sozialdemokraten nahezu unisono: "Das war ein gruppendynamischer Prozess."

Gabriel ist in der SPD im Moment unangefochten. Und Parteikollegen, die noch im Sommer Zweifel an seiner Führungskraft äußerten, attestieren ihm makelloses Agieren in schwierigen Zeiten. "Unter Druck ist er unschlagbar", sagt einer von ihnen. Das sei schön, aber eben auch ein Problem. Denn irgendwann würden die Zeiten weniger schwierig - und Gabriel womöglich wieder unberechenbar.