Gabriel und die Atomkraft Windmühlen für Tschernobyl

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel besucht den Katastrophenreaktor, redet dort vor allem über die deutsche Kernkraft - und hat eine ökologische Vision.

Von Michael Bauchmüller

Die Kameras sind aufgestellt. Die Tonleute haben die Kopfhörer aufgesetzt, nur das ukrainische Sicherheitspersonal wird unruhig. Die Strahlung, sagt einer, die Strahlung. Sigmar Gabriel winkt ab. "Das halten wir schon noch aus." Jetzt rasch ein paar Bilder, zu eindrucksvoll ist die Kulisse: Block 4, der Unglücksreaktor von Tschernobyl, versteckt unter einem Sarkophag aus Stahl und Beton. Ein giftgrün angestrichenes Lager für verstrahlten Schrott aus dem Reaktor, an dem rostige Leitern emporklettern.

Auf einer Terrasse vor dem Besucherzentrum bannen die Kameras Gabriel auf Magnetband, als er behauptet, seit dem Unfall seien die Atomkritiker in Deutschland in der Mehrheit. Die Bänder zeichnen auf, dass sich Union und FDP angeblich zum verlängerten Arm der Atomwirtschaft machten, wenn sie eine Zukunft für veraltete Technologien wollen. Das, empört sich Gabriel, "kann doch nicht wahr sein."Und natürlich fungiert die Kulisse irgendwie als gigantische, unangreifbare Bekräftigung. Anschließend drängen alle ins Innere des Pavillons. Die Strahlung, man weiß ja nie.

Gabriel hat endlich ein Thema

Sigmar Gabriel hat jetzt Oberwasser, endlich mal wieder. Zuletzt war wenig rund gelaufen für den Bundesumweltminister von der SPD: Die CSU zerschoss ihm das geplante Umweltgesetzbuch, Unions-Ministerpräsidenten vereitelten ein Gesetz über die unterirdische Speicherung von Treibhausgasen. Fortschritte beim Klimaschutz bereitete Gabriel vor, Angela Merkel schloss sie ab. Dann kam Vattenfall. Seitdem der Konzern am vorigen Wochenende sein Kernkraftwerk Krümmel abschalten musste, seitdem in Hamburg Ampeln ausfielen und Panne um Panne in Krümmel ruchbar wurde, hat Gabriel endlich wieder eine Atomdebatte. Und die Sache läuft einstweilen gar nicht so schlecht für ihn.

Gemütlich tuckert eine Kehrmaschine am Unglücksreaktor vorbei, sie sprenkelt die Straße mit Wasser. Der Boden um Tschernobyl ist verseucht, jeder Wind könnte Staub aufwirbeln, radioaktiven Staub. 23 Jahre sind seit dem Unglück vergangen, aber nicht einmal im Ansatz ist es bewältigt. Ein mehrmals geflickter, mühsam stabilisierter Sarkophag hält Strahlung und verseuchtes Kühlwasser im Reaktor-Inneren. Jetzt planen sie eine neue Hülle, ein Dach gewölbt wie das des Berliner Hauptbahnhofs.

Jenseits des Blocks soll es errichtet, dann Stück für Stück darüber geschoben werden. Wie lange das dauert? Hilflos hebt Walerij Seda, einer der Werksleiter in Tschernobyl, die Schultern. "50 Jahre für die Hülle", sagt er. "Und 50 Jahre zum Rückbau." Mal ganz grob geschätzt. Bis dato ist die Geschichte der Tschernobyl-Bewältigung eine der verstrichenen Fristen, verworfener Planungen, ungedeckter Kosten. Knapp 100 Millionen Euro hat allein die Bundesrepublik bislang in die Bewältigung der Folgen gesteckt. Es ist ein Fass ohne Boden.

Wenige Gemeinsamkeiten

Welten trennen Tschernobyl von Krümmel. Eine Mischung aus menschlichem Versagen und katastrophalen Konstruktionsfehlern hatte den sowjetischen Reaktor in der Nacht des 26. April 1986 explodieren und anschließend schmelzen lassen. Die genaue Zahl der Todesopfer ist bis heute unbekannt, Tausende leiden immer noch an den Folgen des größten anzunehmenden Unfalls. In Krümmel dagegen legte ein Kurzschluss gewissermaßen das Umspannwerk lahm, der Reaktor schaltete sich von selbst ab. Niemand wurde verstrahlt, nichts wurde zerstört außer ein paar Wasserrohren in Hamburg, Opfer des abrupten Stromausfalls.

Aber Krümmel ist Atomkraft, Tschernobyl auch. Und seit dem Unglück erinnert jeder kleine Zwischenfall an das komplizierte Zusammenspiel von Mensch und Technik, das funktionieren muss, damit die Technologie funktioniert. Alles Weitere ist eine Frage des Vertrauens, das man in die Kernkraft haben kann oder auch nicht. Die Union hat es, die SPD nicht, und in elf Wochen ist Bundestagswahl. Die Union will Deutschlands Reaktoren länger laufen lassen, die SPD kürzer, zumindest die alten. Das schreit nach Streit, nach Inszenierung.

Gabriel steht jetzt in Pripjat, mitten in den Ruinen der "Stadt der Energetiker". Stative werden aufgeklappt, Mikrofone eingestöpselt. 48 000 Menschen haben hier gelebt, bis sie Hals über Kopf ihre Wohnungen verlassen mussten. Keiner kehrte zurück. Inzwischen wachsen Bäume aus den Fenstern der Stadt, und wo einmal Straßen waren, verraten nur noch Laternen im Wald. Die Natur holt sich zurück, was der Mensch ihr nehmen wollte. Die Bänder surren leise, als ausgerechnet ein ukrainischer Journalist noch eine Frage an den deutschen Minister hat.

Auch ein Wahlkämpfer

Ob denn wohl die Reise nach Tschernobyl etwas mit Wahlkampf zu tun habe, will er wissen. Von dem Ärger mit Krümmel habe er nämlich auch schon gehört. Und Gabriel unternimmt nicht einmal den Versuch, den Wahlkämpfer zu verbergen. Es sei doch "absolut normal, im Wahlkampf die Unterschiede hervorzuheben", sagt er, und: "Die Wähler werden entscheiden, ob sie zurück zur Atomkraft wollen oder weiter zu erneuerbaren Energien." Und Krümmel, klar, muss weg vom Netz, endgültig. Krümmelmonster, sagt Gabriel jetzt dazu. Er muss nur aufpassen, dass er den Bogen nicht überspannt.

Wie man sich so über Kernkraft streiten kann, ist vielen in der Ukraine unbegreiflich. Zwei neue Reaktoren will die Regierung errichten lassen, gut die Hälfte des Stroms kommt aus Atomkraftwerken. Und während der deutsche Umweltminister für Windräder und Solaranlagen kämpft, schwärmt der Stellvertreter seines Amtskollegen in Kiew von der Kernspaltung. "Ich sehe das eher von der technischen Seite als von der ökologischen", sagt Iwan Makarenko, ein kleiner, schnurrbärtiger Mann.

Wenige Monate nach der Katastrophe war er selbst als Liquidator in Tschernobyl. So heißen die knapp 800 000 Männer, die nach dem Unglück begannen, die Schäden aufzuräumen. Viele bezahlten mit der Gesundheit. Makarenko aber geht es gut, er sagt: "Arbeit ist Arbeit." Irgendwer habe ja aufräumen müssen. "Tschernobyl ist ein Schicksal", sagt Makarenko. "Das muss man verstehen." Im Übrigen sei das Unglück ein Einzelfall. Und dabei bleibe es.

Mit einiger Lässigkeit denkt die Regierung in Kiew derweil darüber nach, was sich mit dem Gelände rund um den Reaktor so alles anstellen lässt - schließlich lebt dort kein Mensch. Schon gibt es Überlegungen, ein Endlager für hochaktiven Müll aufzubauen, das Gelände ist gewissermaßen prädestiniert dafür. Aber der deutsche Umweltminister hat auch eine Idee. Windräder ließen sich hier errichten, massenhaft. Pläne dafür gab es schon einmal, ein deutscher Investor hatte sie geschmiedet. Dann starb er. "Wir müssen mal sehen, ob sich das wieder aufgreifen lässt", sagt Gabriel. "Die Bedingungen müssten sich verbessert haben." Und als Symbol, das spürt Gabriel, wäre das einfach nicht zu toppen.

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