G-20-Gipfel Wo ernsthaft über echte Alternativen nachgedacht wird

Während bei vielen der jungen Camper und Tanzenden Hedonisten nicht klar ist, was sie konkret an der Politik der G 20 stört, ist dies bei dem "Gipfel für globale Solidarität" ganz anders. Mehr als 1500 Menschen sind in das Internationale Kulturzentrum Kampnagel gekommen, um in der ehemaligen Maschinenfabrik nach dem "richtigen Dreiklang aus Kritik, Alternativen und Strategien" zu suchen, wie es Mitorganisatorin Heike Löschmann von der Heinrich-Böll-Stiftung formuliert. Bei 17 Podiumsdiskussionen und 75 Workshops gibt es hierfür reichlich Gelegenheit.

Der Saal ist rappelvoll, als die Alternative-Nobelpreis-Trägerin Vandana Shiva ihren Eröffnungsvortrag beginnt. Die Inderin nennt die Teilnehmer des G-20-Gipfels "Wasserträger" und "Sherpas der globalen Finanzwirtschaft". Merkel, Trump, Macron und Co. hätten der globalen "Wirtschaft der Gier" nichts entgegenzusetzen. "Wem dient die Ökonomie?", lautet die Frage am Nachmittag. Die Besucher haben eine ähnliche Antwort wie die Referenten: Sie dient nicht den Bedürfnissen der Normalbevölkerung und vor allem nicht den Armen im "globalen Süden", also in den Entwicklungsländern. Für Politikprofessor Markus Wissen steht fest, dass der Kapitalismus nicht dadurch gezähmt werde, dass plötzlich Schwellenländer wie China, Brasilien oder die Türkei mitreden. "Der Club derer, die die Welt dominieren will, wird nur größer."

Der Rest der Stadt blickt bange dem Donnerstag und dem Wochenende entgegen. Gleicht Hamburg schon heute einer Hochsicherheitszone, so werden bald noch mehr Polizisten in Kampfmontur zu sehen sein - und noch mehr Straßen gesperrt werden. Nicht nur die Polizei ist nervös wegen der möglichen Randale und Gewalt. Ladenbesitzer verriegeln ihre Türen und Schaufenster, manche hängen Zettel in ihre Scheiben mit der Aufschrift: "Spare Our Shop" - bitte verschont unseren Laden. Etwa 10 000 Hamburger erhalten Sonderurlaub.

Denn womöglich treffen nicht nur die militanten Linken verärgert in der Stadt ein. Auch die Bewohner des Schanzenviertels zum Beispiel dürften den Dienstagabend noch nicht vergessen haben, als Polizei-Hundertschaften mit Einsatzwagen und Wasserwerfern scheinbar ohne Not gegen Hunderte vorgingen, die sich zum friedlichen Massen-Cornern getroffen hatten - eine unnötige Machtdemonstration, fanden die Protestierenden.

"Wir werden jetzt nicht leise sein, nur weil uns die Polizei seit Wochen stolz präsentiert, womit sie auffährt", sagt Nina, die eine große, rote Tulpe unter ihrem Hals tätowiert hat und einen Laden im Schanzenviertel betreibt. Sie glaubt, dass es bei der "Welcome to Hell"-Demo am Donnerstag nicht lange dauern wird, bis die ersten Flaschen und Steine fliegen. Deshalb geht sie da lieber mal nicht mit.

Gipfel der Unberechenbaren

Wenn sich in Hamburg die 20 führenden Industrie- und Schwellenländer treffen, muss Gastgeberin Angela Merkel ausloten, ob solche Runden überhaupt noch globale Probleme lösen können. Von Stefan Kornelius mehr...