Aus dem SZ-Magazin von Andreas Bernard

In der nächsten Woche beginnt in Heiligendamm der G-8-Gipfel. Mit dabei: George Bush, Wladimir Putin und Angela Merkel. Doch die wichtigsten Teilnehmer bleiben namenlos. Über die stille Macht der Dolmetscher.

Dolmetscher sind unsichtbar. Das glaubt man jedenfalls, wenn Annelie Lehnhardt, ein Vierteljahrhundert lang die Spanisch-Dolmetscherin der deutschen Bundeskanzler, über die persönlichen Begegnungen von Staatschefs spricht. Auf die Frage, warum die Dolmetscher bei diesen Zweiertreffen keine Gesprächsprotokolle anfertigen, antwortet sie: "Ich nehme an, das liegt daran, dass es eben wirkliche Vier-Augen-Gespräche sind, deren Inhalt allenfalls an die engsten Mitarbeiter weitergegeben wird."

Babel; Dolmetscher Bild vergrößern

Job-Motor für Dolmetscher: Der G-8-Gipfel in Heiligendamm. (© Foto: SZ-Magazin)

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Sie zögert kurz, als würde sie den gerade ausgesprochenen Worten hinterherhorchen, und ergänzt: "Na ja ­und wir zählen natürlich nicht."

Die Ungerührtheit, mit der sie den Satz ausspricht, verrät viel über das Selbstverständnis dieses Berufsstands. Dolmetscher werden als Augenpaar im Raum nicht mitgerechnet und als reine Durchgangsstation der Wörter angesehen.

"Wir sind das Schmieröl, das den Motor am Laufen hält", sagte ein EU-Dolmetscher in einem Zeitungsinterview einmal; von dem langjährigen Russisch-Dolmetscher der US-Regierung Bill Hopkins stammt die Aussage: "Ich bin eine Leitung, sonst nichts." Diese technischen Vergleiche haben ihren Grund. Denn Dolmetscher nehmen in den Gesprächen, die sie übersetzen, nicht die Position eines beteiligten Subjekts ein, sondern eher die eines reibungslos funktionierenden Mediums.

Veranstaltungen wie etwa internationale politische Konferenzen wären ohne Dolmetscher nicht denkbar. In der Berichterstattung der Medien, die an Nachrichten, nicht aber an der komplexen Frage nach deren Zustandekommen interessiert sind, tauchen diese diskretesten Akteure des Politikbetriebs nicht auf; jeder Zeitungsartikel, jeder Fernsehbeitrag über internationale Politik tut aufs Neue so, als spielten Sprachunterschiede keine Rolle, als würden die Reden und Papiere, die Debatten und Verlautbarungen von allen Anwesenden unmittelbar verstanden und kommentiert.

Übersetzen im "Flüster"-Modus

In Wirklichkeit gehört zuverlässige Dolmetscharbeit zu den zentralen Bedingungen der Weltpolitik, wie man gerade jetzt, im Vorfeld des G-8-Gipfeltreffens in Heiligendamm vom 6. bis 8. Juni, wieder sehen kann.

Annelie Lehnhardt, seit vier Jahren Leiterin des "Dolmetschdienstes" des Auswärtigen Amtes, arbeitet bereits seit Januar an der Organisation der Sprachenvermittlung in Heiligendamm, die nach dem "Muttersprachenprinzip" funktionieren wird. Die Simultandolmetscher in ihren Kabinen übersetzen also aus bis zu fünf Fremdsprachen in ihre Muttersprache.

Die unterschiedlichen Veranstaltungstypen in den knapp zwei Tagen des Gipfeltreffens verlangen auch nach verschiedenen Dolmetschverfahren. Beim Begrüßungsessen für die acht Staatschefs und ihre Ehepartner am Mittwochabend wird, um den intimen Charakter des Abends zu wahren, vor allem im "Flüster"-Modus übersetzt, wie es im Fachjargon heißt; hinter den Politikern sitzen die persönlichen Dolmetscher auf niedrigen Schemeln und sprechen die Worte der Staatschefs ins Ohr ihrer Vorgesetzten.

Die aufwendig berechnete Sitzordnung an diesem Abend richtet sich neben protokollarischen Gesichtspunkten danach, wer von den Anwesenden sich auch ohne Übersetzungshilfe verständigen kann; je weiter man voneinander entfernt platziert ist, desto weniger ist man auf einen flüsternden Dolmetscher angewiesen.

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