Futtermittelhersteller im Dioxinskandal Fett im Geschäft

Er hat in beiden Systemen Karriere gemacht: Siegfried Sievert war einst für die Stasi tätig, heute gilt er als der mutmaßliche Hauptverantwortliche im Dioxin-Skandal. Der Lebensweg eines Spitzels.

Von Constanze von Bullion

Wie das Ei, so das Huhn, so die Stasi-Akte. So lässt sich - wenn auch zugespitzt - zusammenfassen, was jetzt in Berlin zutage gekommen ist. Nach Akten der Birthler-Behörde, die der SZ vorliegen, hat der mutmaßliche Hauptverantwortliche des aktuellen Dioxinskandals für den Staatssicherheitsdienst der DDR gespitzelt.

Siegfried Sievert, 58 und Geschäftsführer des insolventen Futtermittelhersteller Harles und Jentzsch in Schleswig-Holstein, hat demnach bis zur Wende als IM "Pluto" der Stasi zugearbeitet. Sievert war schon damals in fettverarbeitenden Betrieben wie dem VEB Märkische Ölwerke in Wittenberge beschäftigt. "Der IM hat keinerlei Vorbehalte bei der Belastung von Personen aus seinem Umgangskreis", heißt es in seiner Akte. Sievert wollte sich auf Anfrage nicht zu den Akten äußern.

Knapp 200 Seiten stark ist Sieverts Stasi-Dossier, zu dem handgeschriebene Spitzelberichte und abgetippte Tonbandaufnahmen gehören, aber auch Quittungen im Wert von gut 1000 Mark - das Geld erhielt er für seine Stasi-Tätigkeit. Wenn stimmt, was in den Akten steht, dann diente Sievert 18 Jahre lang dem "Organ", bis zum Untergang seines Staates.

Spannungsfrei allerdings war sein Kontakt mit dem Geheimdienst nicht. Immer wieder geht es in den Akten um dienstliche Unregelmäßigkeiten, die zu einer scharfen Rüge führen; auch Sieverts politische Zuverlässigkeit wird überprüft. Der Mann arbeite nicht aus Überzeugung für den Dienst, heißt es, er berichte nur, was ihm selbst nützlich sei und indem er "persönliche Vorteile/Nachteile in Erwägung" ziehe.

Sievert, ein Arbeitersohn, kommt aus Wittenberge im heutigen Brandenburg. Er ist 18 Jahre alt und steht kurz vor dem Abitur, als er sich bei der Stasi verpflichtet. Er tut das nicht aus Begeisterung, sondern weil er sich bei einer Silvesterfeier mit Schulfreunden danebenbenommen hat. Was genau passiert ist, lassen die Akten nicht erkennen. Sievert ist einer mit längeren Haaren, er will Physik studieren und ist der Stasi als Anhänger "westlicher Unkultur" schon negativ aufgefallen. 1971 nutzt sie die Gunst der Stunde - und dreht ihn um. Man bietet ihm an, die Silvestersache auf sich beruhen zu lassen, wenn Sievert sich zur konspirativen Zusammenarbeit verpflichtet. Er setzt sofort eine Erklärung auf.

Was dann kommt, ist laut Akten eine erst zähe, dann immer bereitwilligere Zuarbeit. Sievert berichtet über Kommilitonen an der Uni Greifswald. "Die Berichte waren operativ interessant und trugen zur Aufklärung negativer Studenten und jugendlicher bei", lobt ihn ein Stasi-Kaderleiter. Weil es in Sieverts Leben angeblich zu "Ausschweifungen" gekommen ist, fliegt er von der Uni. Er geht zum VEB-Kombinat Konfektionsmaschinen Wittenberge, dort kümmert er sich um Materialwirtschaft - und um all das, was die Kollegen sonst so machen.

Mal berichtet er, wer betrunken Auto fährt oder "Beziehungen zur Kirche" hat. Sievert mutmaßt, ein Kollege sei wegen seines "nervlichen Zustands" beim Arzt und berichtet über "Intimbeziehungen" von Kollegen. Als er beim VEB Märkische Ölwerke, der Industriefette und Speiseöle herstellt, arbeitet, kommt es 1984 zur Havarie: Eine Schlackedeponie läuft über, Sievert kriegt Ärger. Dann wieder soll er jemandem einen Traktor unter falschen Angaben zugeschustert haben und bekommt eine Rüge.

Sievert berichtet weiter der Stasi, jetzt als Fachdirektor eines Margarinekombinats. 1988 will er zu Besuch in den Westen, darf aber nicht. 1989 lässt man ihn fahren. Eine Frau warnt die Stasi, Sievert wolle abhauen. Weit gefehlt, der Genosse kehrt zurück - und berichtet vom "Heerlager" der DDR-Bürger an der Grenze zu Österreich. Nach der Wende dann geht er nach Schleswig-Holstein, in die Futtermittelindustrie. Von Fetten versteht er schließlich etwas.

Guten Appetit

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