Sicherlich gibt es eine WM-Dividende für das Land: neue Verkehrsnetze, ein Sprung in der Kommunikationstechnik, ein Schub für den Tourismus. Doch es herrschen überzogene Vorstellungen davon, wie viel Entwicklung der Sport tatsächlich anschieben kann. Die WM ist kein Marshall-Plan, sondern ein Spektakel - nicht mehr und nicht weniger. Die Emotionen von Milliarden Menschen werden vermarktet und in Milliarden Dollar verwandelt. Viel Geld ist das, aber es fließt nicht in die Elendsviertel Afrikas. In vier Wochen ist der Zauber vorüber. Und die Probleme Südafrikas werden die WM überdauern, auch wenn sie nun, im Fußballtaumel, von der Politik ausgeblendet werden. Man will den Gästen schließlich ein blank geputztes Haus präsentieren. Reparaturarbeiten am Fundament oder Risse im Dach müssen erst einmal warten.
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Gegen die Klischees
Nur wenn Südafrika eine schlüssige Strategie gegen die Armut entwickelt, Jobs schafft und das Leben derer verbessert, die heute noch ganz unten sind, wird das Land stabil bleiben und Modell für ganz Afrika sein können. Fußball kann man nicht essen. Auf anderer Ebene wird der Sport gleichwohl Kraft entwickeln. Und darin liegt ein sicherer Gewinn für den Gastgeber. Sport, und gerade Fußball, überbrückt Barrieren, bringt Menschen zusammen, die sonst nichts miteinander zu tun haben. In einer zerklüfteten Gesellschaft wie Südafrika ist das nützlich. Wie lange diese mentale Dividende überlebt, ist jedoch ungewiss.
Größer wohl ist die Chance, ein anderes Südafrika in den Köpfen der ausländischen Gäste zu verankern. Viele sind erst gar nicht gekommen, weil sie glauben, dass man eine Stadt wie Johannesburg nur mit schusssicherer Weste durchqueren kann. So abwegig solche Vorstellungen sind - die Vorbehalte haben sich eingeschliffen. Südafrika hat vier Wochen Zeit, das Bild gerade zu rücken. Das werden dann auch die Fernsehzuschauer zu sehen bekommen, ob in Tokio, San Francisco oder München.
Wie immer man diese WM später beurteilen wird - Afrika hat in einer Hinsicht schon gewonnen: Noch nie haben so viele Menschen so viel über den Kontinent erfahren. Fernsehsender, Zeitungen, Radios und unzählige Internetseiten öffnen den Blick auf den vielgestaltigen Kontinent. Dies könnte dazu dienen, Klischees aufzuweichen und Zweifel zu säen an festgefügten Bildern, in denen Afrika nur als Kontinent der Armut und Gewalt vorkommt. Der Fußball und die mit ihm verknüpfte globale Vermarktungskette des digitalen Zeitalters verschafft der Welt einen neuen Zugang zu Afrika. 130 Jahre nach dem Vormarsch kolonialer Eroberer kommt die Welt zurück, um noch einmal hinzuschauen.
Das Bild mag trotzdem oberflächlich bleiben. Aber es wird sich absetzen von den üblichen Produkten der globalen Nachrichtenmaschinerie. Denn der Blick fällt dieses Mal nicht auf Kriege, Krisen, Katastrophen. Ins Licht rücken die sympathischen Seiten eines Kontinents, die ihn nahezu konkurrenzlos machen: die Kunst, Gäste zu ehren. Die Gabe der Gelassenheit. Die Fähigkeit, ein ausgelassenes Fest zu feiern, dem sich auch Skeptiker schwer entziehen können.
Alle Augen auf Afrika. Das hat es noch nie gegeben.
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(SZ vom 12.06.2010/liv)
Russland unter Putin