Von Hans Leyendecker

Viele Gründe sprechen dagegen, dass Michel Friedman als TV-Inquisitor zurückkehrt.

(SZ vom 10.7.2003) - Der Anwalt Michel Friedman war ein leidenschaftlicher Fernsehmoderator. Vermutlich wollte er auch in diesem Gewerbe der Beste sein. Er hat gefragt, wie sich das Publikum früher die Jungs vom Spiegel vorstellte: Unerbittlich, hart, frech, aber exzellent vorbereitet. Ein bisschen zynisch vielleicht.

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Er hat gespalten, polarisiert. Vermutlich war die Zahl seiner Gegner größer als die Zahl seiner Anhänger. Alles andere hätte ihm auch missfallen. "Solange du lebst, lebe!!! Nie schweigen!!!", hat er im FAZ-Fragebogen als Motto ausgegeben. Dass er für die zwei knappen Sätze sechs Ausrufezeichen verwendete, zeigt, was er von sich hielt.

Einen "Inquisitor" hat ihn die Zürcher Weltwoche genannt, und das trifft wohl zu. Das Wort "inquisitorisch" steht für streng, unerbittlich, forschend - genauso war er. Kann ein gefallener Inquisitor nach einer kleinen Weile wieder auf seinen Stuhl zurück und den rhetorischen Scharfrichter spielen? Oder tritt er fortan bußfertig auf ?

Nein, ein Weichspüler wie Johannes B. Kerner - das wäre nicht Friedman. "Ich entschuldige mich noch einmal bei allen, aber ich bitte Sie um eine zweite Chance", hat er in seiner Frankfurter Erklärung gesagt, die auch Soap-Qualitäten hatte. Bei seiner Lebensgefährtin Bärbel Schäfer hat er sich entschuldigt und beim Hessischen Rundfunk (HR) auch: "Ich kann nur sagen - und ich hoffe, Sie glauben mir das - dass ich mit aller Kraft versuchen werde, dieses verlorene Vertrauen wieder zurückzugewinnen".

Schein und Sein

Bevor Friedman der Welt erklärte, dass er in einer Lebenskrise gesteckt habe, schien es, als ob er zu den Glücklichen gehörte, die Boden im Bodenlosen finden. Zweifel schienen ihm fremd. Das galt vor allem für sein Auftreten als Moderator. Mit der Sendung 3 zwei eins hatte er Mitte der neunziger Jahre im HR angefangen.

43:30 - Zeit für Politik hieß dann die Talkshow auf Premiere. "Sind Schein und Sein identisch, sind Anspruch und Wirklichkeit identisch?" wollte er von seinen Gästen wissen. Schließlich moderierte er im HR Vorsicht! Friedman und seit 2001 Friedman in der ARD. Er war der einzige Moderator, der zwei Live-Talkrunden hatte.

Ganz egal, an welchem Platz und Ort - Friedman hatte ein anderes Konzept als die anderen deutschen Moderatoren: Er setzte auf Streit, wirkte manchmal theatralisch. Wer Gast bei Vorsicht! Friedman war, konnte sich seiner Umarmung nur schwer entziehen. Friedman flüsterte dem Eingeladenen ins Ohr, dass dieser der Beste in der Runde sei.

Der Diskutant müsse nur kräftig zulangen, draufhauen. Während der Sendung kam er manchmal mit dem Knie rüber, um den Gast zur Attacke zu bewegen. Wer nach der Sendung mit den anderen Gästen plauderte, stellte rasch fest, dass es viele Beste gegeben hatte.

Einige Gäste hat er buchstäblich auseinander genommen, etwa die ehemalige Berliner CDU-Größe Frank Steffel, weil der in seiner Jugend Ausländer "Kanaken" und Behinderte "Mongos" genannt hatte. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit wurde abgefragt, wie viele Mauertote es gegeben habe und er wurde verlacht, weil die Zahl nicht stimmte.

Jeder, der zu Friedman ging, bereitete sich auf eine Schlacht vor. SPD-Fraktionschef Franz Müntefering hat mal seine Brille abgenommen, um ganz nahe am Gesicht von Friedman zu sein und zur Freude des Sozialdemokraten ist der Moderator zurückgewichen.

"Wenn ich ihn nicht so gut kennen würde, hätte er mir nicht so oft die Hand auflegen dürfen", hat Ex-Gesundheitsministerin Andrea Fischer gesagt. Sie ist jetzt selbst Moderatorin, so wie Lothar Späth und Gregor Gysi oder Heinz Eggert nach dem Scheitern in der Politik zeitweilig Moderatoren wurden. Auch das spricht gegen ein TV-Comeback Friedmans. Zweite Reihe war er nie.

In den Betrachtungen über Friedman in diesen Tagen war häufig die Rede davon, dass er als Moralist gescheitert sei. Dabei ist es wirklich keine Sensation, dass jemand von Film und Fernsehen mit Kokain erwischt wird. Auch gab sich Friedman nie moralisch.

In diesem Zusammenhang ist vielmehr von Bedeutung, dass er bei seiner Erklärung mit keinem Wort darauf einging, zeitweise mit Menschenhändlern, die Frauen aus Osteuropa nach Deutschland verfrachten, gemeinsame Sache gemacht zu haben.

Er hat für die Ware bezahlt. "Warum bestellt er beim Ukrainer?", hat Karen Duve in einem fabelhaften Aufsatz im Spiegel gefragt. Jeden Gast, der solchen Umgang mit solchen Prostituierten pflegt, hätte er in die Mangel genommen: "Wird Sklaverei in Deutschland wieder hoffähig?" hätte Friedman gefragt und die normale ausweichende Antwort Marke Steffel zum Konter genutzt: "Wenn man Frauen, die meist durch Vergewaltigung gefügig gemacht worden sind, wie ein Stück Fleisch ordert, hat man da keine Skrupel?"

Der Fall Friedmann passt weniger zum Genre seiner Freundin Bärbel Schäfer ("Hilfe, ich habe gekokst"), sondern es bräuchte einen Vernehmer wie ihn, um die Verlogenheiten des Gewerbes bloß zu legen. Ob ihm das Publikum die zweite Chance gibt, steht dahin.

Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hat in einer Umfrage für TV Today herausgefunden, dass nur 32 Prozent der Zuschauer eine Rückkehr des Moderators wollen und 52 Prozent dagegen sind. Vor allem die älteren Herren würden dies strikt ablehnen.

In Großbritannien verschwand der Moderator Angus Deayton, der bei BBC ein beliebtes News-Quiz moderiert hatte, vom Bildschirm, nachdem er angeblich Kokain geschnupft hatte. Das war ein großes Thema in den Boulevardzeitungen, die gerne bildhaft darüber berichteten, wie er das Zeug zusammen mit Prostituierten mittels 20-Pfund-Noten konsumiert habe.

Jetzt bekommt Deayton wohl tatsächlich eine zweite Chance - als Showmaster. Titel seiner geplanten bunten Sendung: Wilde Mädchen auf Schnee.

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