Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo Lebenslange Leidenschaft

Vom Plädoyer für die Gewaltlosigkeit bis hin zu Liebeserklärungen an seine Frau: Auch im Gefängnis von Jinzho schreibt Liu Xiaobo täglich. Viele Texte des Nobelpreisträgers wurden konfisziert, doch einige konnten herausgeschmuggelt werden.

Von Henrik Bork, Peking

Das Schreiben ist eine lebenslange Leidenschaft des diesjährigen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo. Auch in seiner Zelle im Gefängnis von Jinzho schreibt der 54-Jährige täglich. Er darf Tagebuch führen und seiner Frau Briefe schicken. Allerdings werden politsche Passagen von der Gefängnisleitung konfisziert. Einige wenige hinter Gittern entstandene Aufsätze sind komplett herausgeschmuggelt worden, etwa seine abschließende Verteidigungsrede in dem Schauprozess, in dem er im Dezember vergangenen Jahres zu elf Jahren Haft verurteilt worden ist.

Schreibt täglich im Gefängnis von Jinzho: der diesjährige Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo.

(Foto: dpa)

Wie ein roter Faden zieht sich durch all diese hinter Gittern entstandenen Schriften der Kanon seiner Grundwerte und persönlichen Leitsterne: die Ehrlichkeit und Würde des Individuums, für das Aufrichtigkeit unabdingbar ist, ein unbeirrbares Pochen auf Meinungs- und Publikationsfreiheit und ein ebenso standfestes Plädoyer für die Gewaltlosigkeit des Widerstands, unterbrochen hier und da von poetischen Liebeserklärungen an seine Frau, Liu Xia.

In den Perioden relativer Freiheit, als er in Peking lediglich unter Hausarrest stand, sind politische Essays entstanden, für die ihn Chinas Kommunistische Partei das Fürchten gelehrt hat. Erkennbar bemüht er sich darin um eine faire, ausgewogene Analyse der chinesischen Gegenwart. So benennt er die andauernde "Tyrannei" einzelner kommunistischer Kader, schreibt jedoch genauso von der "enormen Transformation zum Pluralismus", die seine Gesellschaft in den letzten drei Jahrzehnten bereits erlebt hat.

Liu Xiaobo hat nicht nur erkannt, dass ein Abrücken von der Ideologie des Klassenkampfes und des Hasses unter Mao Zedong ein grosser Fortschritt ist. Er stellt sich bewusst selbst in diese Tradition, und zwar sowohl in seinen Schriften als auch in seinem Handeln jenseits des Schreibtisches. So warnt er schriftlich vor der zersetzenden Kraft des Hasses auf politische Gegner, und hat sich in seiner Freizeit rührend und direkt um Menschen wie Ding Zilin gekümmert, die Gründerin der Gruppe "Mütter vom Tiananmen".

Wenn er ein äußerst würdiger Empfänger des Friedensnobelpreisträgers ist, was wohl innerhalb wie ausserhalb Chinas die mehrheitliche Meinung ist, dann auch wegen dieser Übereinstimmung von Wort und Tat. Nichts in seinen Schriften ist Pose oder Polemik. Alles ist Glaubwürdigkeit und Aufrichtigkeit.

Wer nach konkreten Leseempfehlungen sucht, braucht nur das abschliessende Urteil des chinesischen Obersten Gerichtshofes vom 9. Februar dieses Jahres zu lesen. Richter Zhou Junhuai und seine Kollegen haben Lius wichtigste Essays darin namentlich aufgeführt. "Durch das Ändern der Gesellschaft das Regime ändern" und andere richtungsweise Aufsätze werden in dem Verdikt ausdrücklich als Beweise des angeblichen Tatbestandes der "Subversion" angeführt, komplett mit den Namen der ausländischen Medien, in denen sie erschienen sind. Das Regime hat sich nicht die Mühe gemacht, irgendwelche Phantasievorwürfe ins Feld zu führen. Es bestätigt in jeder Zeile seines Urteils, dass Liu Xiaobo ein Gewissensgefangener ist, der einzig und allein wegen der Schärfe seiner Feder und der Kraft seiner Gedanken eingesperrt ist.