Mit der Verleihung des Nobelpreises an Martti Ahtisaari ignoriert das Komitee die heikle politische Lage auf dem Balkan - und erschwert Belgrad den Weg nach Westen.
Das Nobelpreiskomitee in Oslo blickt wie seine Schwestervereinigung in Stockholm auf eine Reihe merkwürdiger, aber immer politischer Entscheidungen zurück. Ob nun in der Literatur oder eben bei dem in seiner öffentlichen Wirkung besonders wuchtigen Friedensnobelpreis: Die Komitees erliegen immer wieder dem Reflex zu provozieren. Das macht die Preisvergabe spannend und hält den Stifter im Gespräch. Aber nur darum kann es nicht gehen.
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Martti Athisaaris Anerkennungsplan für den Kosovo hat auf dem Balkan noch keinen Frieden gestiftet - der pro-westlichen Regierung in Belgrad macht die Entscheidung des Nobelpreiskomitees die Arbeit schwerer. (© Foto: dpa)
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Martti Ahtisaari ist ein verdienter Politiker, der nicht zuletzt dank seiner Herkunft aus dem kleinen, bündnisneutralen Finnland als Krisenvermittler Bedeutung erlangen konnte. Er hat sich vor allem bei der Friedenssuche für die indonesische Unruheprovinz Aceh einen Namen gemacht und war auch unermüdlich auf dem Balkan unterwegs, um eine neue, stabile Staatenordnung zu erreichen.
Der Balkan hätte sein Lebenswerk krönen können, aber der Balkan funktioniert nach Gesetzen, die Ahtisaari alleine nicht schreiben konnte. Deswegen war die Kosovo-Vermittlung nicht nur die Aufgabe Ahtisaaris, sondern unterlag vor allem den Interessen der USA, Russlands und der EU. Ahtisaari scheiterte mit seiner Vermittlung und bezog dann klar Partei.
Der mit seinem Namen verbundene Anerkennungsplan für den Kosovo wurde am Ende von nur einer Seite akzeptiert. Der Kosovo erlangte seine Staatlichkeit nicht am Schluss eines Versöhnungsprozesses, sondern in der Konfrontation des Westens mit Serbien und Russland, das sich heute in Georgien auf gleiches Recht beruft.
Auch wenn die einseitige Anerkennung des Kosovo richtig war, so gilt sie nun zu Unrecht als Vorbild für viele Autonomie-Bestrebungen auf der ganzen Welt. Sezession ist eine im Kern unfriedliche Angelegenheit, jedes Territorium hat seine eigene Geschichte, und selten sind die politischen Versöhnungsbemühungen derart bis zur Erschöpfung getrieben worden wie auf dem Balkan. Deswegen ist es gefährlich, den Kosovo als völkerrechtlichen und politischen Präzedenzfall zu nehmen, zumal die EU der gesamten Region (und damit auch Serbien) eine friedliche Perspektive bietet - ein Luxus, der anderswo auf der Welt nicht zu haben sein wird.
Diese Komplexität ignoriert das Nobelkomitee in seiner Entscheidung. Vielmehr schüttet es mitten in einer heiklen politischen Lage auf dem Balkan erneut Salz auf die serbischen Wunden. Die pro-westliche Regierung in Belgrad, die mühevoll einen Ausweg sucht und das Land behutsam aus der Wut über den Kosovo-Verlust hin in Richtung Europa führt, kann nicht dankbar sein für diesen Hieb. Der Preis macht ihre Arbeit schwerer.
Ahtisaari hat auf dem Balkan eben noch keinen Frieden gestiftet, auch wenn sein Plan mit Hilfe der EU hoffentlich langfristig zu friedlicheren Zuständen führen wird. Bis dahin aber verlangt der Umgang mit Serbien mehr Fingerspitzengefühl als beim provokationsfreudigen Komitee vorhanden ist.
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(SZ vom 11.10.2008/hai)
Stockender Kita-Ausbau
Ich möchte meinen Vorrednern zustimmen. Mich ärgert die Aussage von Stefan Kornelius, dass "die einseitige Anerkennung des Kosovo richtig war" und "nun zu Unrecht als Vorbild für viele Autonomie-Bestrebungen auf der ganzen Welt" gilt. Ich bin es mittlerweile Leid, über die einseitige Anerkennung der südserbischen Provinz zu diskutieren und mir heuchlerische Begründungen anzuhören. Diese Episode wird mit den von den USA diktierten (Besuch von US-A'minister Gates in Mazedonien) Anerkennungen seitens Mazedoniens und Montenegros fortgesetzt.
Und die Heuchlerei geht weiter, indem Autonomie-Bestrebungen auf der ganzen Welt die Kosovo-"Lösung" "zu Unrecht als Vorbild" ansehen. Wer entscheidet darüber, ob eine Sezession bzw. ein Bruch des Völkerrechts Recht oder Unrecht ist? Herr Solana, Herr Busch oder der olivgrüne Joschka? Wer?
Artisaari hat bezüglich Balkan nichts gebracht.... dieser Brocken war zu groß für ihn und er hat mal wieder ganz im Sinne der US-Administration gehandelt !
Schade daß der Nobelpreis derart an Ansehen verliert, da gab es bessere Kandidaten !
Anfang 2/2
Zitat:
"Sezession ist eine im Kern unfriedliche Angelegenheit, jedes Territorium
hat seine eigene Geschichte, und selten sind die politischen Versöhnungsbemühungen
derart bis zur Erschöpfung getrieben worden wie auf dem Balkan. "
?
Der Berichterstattung über die Wiener "Verhandlungen" konnte so etwas nicht
entnommen werden, vielmehr gab es da ein Ultimatum von oben herab, denn es hieß,
für die Gespräche gäbe es Zeit nur bis zum 10. Oktober 2007.
Um begreifen zu können, was dies in Relation zu vergleichbaren historischen Momenten bedeutet, könnte sich ein jeder z.B. an die Dauer der Verhandlungen über Nord-Irland erinnern... Hat da jemals jemand eine Zeitfrist von lächerlichen zwei Monaten gesetzt?
Die Wiener Verhandlungen waren gar keine, denn dabei hat nachweislich nur die eine
Seite ihre Position (stets) der Position der anderen Seite angenähert, nämlich
(nochmals, nachweislich) nur die Serbische. Diese hat zur Überraschung aller Anwesenden sogar ein Hong-Kong-Model unter UN-Kontrolle vorgeschlagen. Die albanische Seite hat buchstäblich alles abgelehnt, und ist vom Anfang an (ohne dafür kritisiert zu werden) bei ihrer Ausgangshaltung geblieben. Es drängt sich einem kritischen Beobachter der Eindruck, es hätte sich damals um eine Art Wiener Kulisse für eine längst getroffene Entscheidung gehandelt.
MfG
Zack
Zitat:
"Der Balkan hätte sein Lebenswerk krönen können, aber der Balkan funktioniert nach Gesetzen, die Ahtisaari alleine nicht schreiben (sic!) konnte."
Meines Erachtens ruht der oben zitierte Satz auf der höchst zweifelhaften Vorstellung, man könne einem derartigen Völkergemisch allen ernstes eine "Lösung" ihrer uralten Probleme von oben herab verordnen.
Und dies ausgerechnet auf Balkan, wo gerade DAS die Ursache vieler Probleme war und ist: schon immer haben dort irgendwelche Mächte ihre Spielwiese gehabt und die kleinen Völker für die eigenen Zwecke aufeinander gehetzt, oder zum. die einen im Konflikt mit den anderen unterstützt, die anderen zugleich mit wirtschaftlichen
Blockaden oder Bomben traktiert...
Zitat:
"Deswegen war die Kosovo-Vermittlung nicht nur die Aufgabe Ahtisaaris, sondern unterlag vor allem (sic!) den Interessen der USA, Russlands und der EU. Ahtisaari scheiterte mit seiner Vermittlung und bezog dann klar Partei."
Wie gesagt, nichts neues, die Geschichte wiederholt sich...
Dass er letztendlich dann "klar die Partei bezog" erklärt eigentlich auch den somit verständlichen Ärger, den seine Lösungsvorschläge verursacht haben, da sie per se nur von einer Seite hätten akzeptiert werden können und somit mit einem Kompromiss nichts zu tun hatten.
Zitat:
"Auch wenn die einseitige Anerkennung des Kosovo richtig war, so gilt
sie nun zu Unrecht als Vorbild für viele Autonomie-Bestrebungen auf
der ganzen Welt."
Der Autor hätte an dieser Stelle wennauch nur ansatzweise erklären können WARUM "die einseitige Anerkennung des Kosovo richtig war". Aber so bleibt
der Satz nur eine unter den dutzenden Behauptungen, die gebetsmühlenartig
multimedial an den Bürger gebracht werden, anscheinend in der berechtigten
Hoffnung, irgendwann als etwas Unantastbares vom Unterbewußtsein einfach
akzeptiert werden zu können.
Ende 1/2
"Auch wenn die einseitige Anerkennung des Kosovo richtig war, so gilt sie nun zu Unrecht als Vorbild für viele Autonomie-Bestrebungen auf der ganzen Welt."
Richtig? nach welchen Maßstäben??
Ansonsten ein ganz treffender Kommentar. Die Art der 'Provokationsfreude', die hier praktiziert wird, erinnert mich in ihrer Plumpheit ein wenig an einige Anti-China-Proteste mancher Sportler und Sportverbände bei den Olympischen Spielen. Sehr ungeschickt.