Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Mit der Verleihung des Nobelpreises an Martti Ahtisaari ignoriert das Komitee die heikle politische Lage auf dem Balkan - und erschwert Belgrad den Weg nach Westen.

Das Nobelpreiskomitee in Oslo blickt wie seine Schwestervereinigung in Stockholm auf eine Reihe merkwürdiger, aber immer politischer Entscheidungen zurück. Ob nun in der Literatur oder eben bei dem in seiner öffentlichen Wirkung besonders wuchtigen Friedensnobelpreis: Die Komitees erliegen immer wieder dem Reflex zu provozieren. Das macht die Preisvergabe spannend und hält den Stifter im Gespräch. Aber nur darum kann es nicht gehen.

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Martti Athisaaris Anerkennungsplan für den Kosovo hat auf dem Balkan noch keinen Frieden gestiftet - der pro-westlichen Regierung in Belgrad macht die Entscheidung des Nobelpreiskomitees die Arbeit schwerer. (© Foto: dpa)

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Martti Ahtisaari ist ein verdienter Politiker, der nicht zuletzt dank seiner Herkunft aus dem kleinen, bündnisneutralen Finnland als Krisenvermittler Bedeutung erlangen konnte. Er hat sich vor allem bei der Friedenssuche für die indonesische Unruheprovinz Aceh einen Namen gemacht und war auch unermüdlich auf dem Balkan unterwegs, um eine neue, stabile Staatenordnung zu erreichen.

Der Balkan hätte sein Lebenswerk krönen können, aber der Balkan funktioniert nach Gesetzen, die Ahtisaari alleine nicht schreiben konnte. Deswegen war die Kosovo-Vermittlung nicht nur die Aufgabe Ahtisaaris, sondern unterlag vor allem den Interessen der USA, Russlands und der EU. Ahtisaari scheiterte mit seiner Vermittlung und bezog dann klar Partei.

Der mit seinem Namen verbundene Anerkennungsplan für den Kosovo wurde am Ende von nur einer Seite akzeptiert. Der Kosovo erlangte seine Staatlichkeit nicht am Schluss eines Versöhnungsprozesses, sondern in der Konfrontation des Westens mit Serbien und Russland, das sich heute in Georgien auf gleiches Recht beruft.

Auch wenn die einseitige Anerkennung des Kosovo richtig war, so gilt sie nun zu Unrecht als Vorbild für viele Autonomie-Bestrebungen auf der ganzen Welt. Sezession ist eine im Kern unfriedliche Angelegenheit, jedes Territorium hat seine eigene Geschichte, und selten sind die politischen Versöhnungsbemühungen derart bis zur Erschöpfung getrieben worden wie auf dem Balkan. Deswegen ist es gefährlich, den Kosovo als völkerrechtlichen und politischen Präzedenzfall zu nehmen, zumal die EU der gesamten Region (und damit auch Serbien) eine friedliche Perspektive bietet - ein Luxus, der anderswo auf der Welt nicht zu haben sein wird.

Diese Komplexität ignoriert das Nobelkomitee in seiner Entscheidung. Vielmehr schüttet es mitten in einer heiklen politischen Lage auf dem Balkan erneut Salz auf die serbischen Wunden. Die pro-westliche Regierung in Belgrad, die mühevoll einen Ausweg sucht und das Land behutsam aus der Wut über den Kosovo-Verlust hin in Richtung Europa führt, kann nicht dankbar sein für diesen Hieb. Der Preis macht ihre Arbeit schwerer.

Ahtisaari hat auf dem Balkan eben noch keinen Frieden gestiftet, auch wenn sein Plan mit Hilfe der EU hoffentlich langfristig zu friedlicheren Zuständen führen wird. Bis dahin aber verlangt der Umgang mit Serbien mehr Fingerspitzengefühl als beim provokationsfreudigen Komitee vorhanden ist.

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(SZ vom 11.10.2008/hai)