Friedensnobelpreis für Obama Die Bürde der Auszeichnung

Ob Barack Obama den Friedensnobelpreis wirklich verdient, muss sich erst zeigen. Eines aber ist jetzt schon klar: Das Komitee in Oslo hat den US-Präsidenten gefesselt und ein wenig seiner politischen Kraft beraubt.

Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Barack Obama, geboren am 4. August 1961, wurde mit nur 47 Jahren Präsident der Vereinigten Staaten. Vor ihm stieg kein Schwarzer in dieses Amt auf. Mit 48, noch im ersten Jahr der Präsidentschaft, wird Obama den Friedensnobelpreis entgegennehmen. Und was macht er den Rest seines Lebens?

Das Komitee für den Friedensnobelpreis hat dem Präsidenten eine gewaltige Bürde auferlegt. Es hat ihn sogar gefesselt und ein wenig seiner politischen Kraft beraubt. Denn diese Auszeichnung erregt die Welt. Der mächtigste Mann der Welt polarisiert bereits qua Amt - wie muss es da erst einem Mann ergehen, der die höchsten moralischen Weihen verliehen bekommt? Was passiert mit dem Präsidentenamt und dem Preis, wenn Obama Krieg führen muss?

Obama kann diese Last nicht schultern wollen. Da er noch am Beginn seiner Amtszeit steht und den Entrückungen fern sein müsste, die sich mit fortlaufender Zeit in der präsidentiellen Blase einstellen, müsste er sich eigentlich der Vereinnahmung widersetzen.

Für die einen ist er nun der würdige Preisträger, der dank seiner außerordentlichen Persönlichkeit seinem Land, der internationalen Diplomatie und der Welt mehr Zivilität im politischen Diskurs geschenkt hat. Für die anderen ist er nur ein vielversprechender Politiker, der am Beginn seiner Schaffensphase steht, dessen Leistung also noch nicht bewertet werden kann.

Das Nobel-Komitee hat eine bemerkenswerte Begründung für die Entscheidung formuliert. Obama habe den Preis verdient für seine "außergewöhnlichen Bemühungen zur Stärkung der internationalen Diplomatie und um Zusammenarbeit zwischen den Völkern". Auch ein zweiter Satz verdient Aufmerksamkeit: "Nur selten hat eine Person im selben Ausmaß wie Obama die Aufmerksamkeit der Welt auf sich gezogen und den Menschen Hoffnung auf eine bessere Zukunft gegeben."

Kurzatmige Tagespolitik

Beide Sätze sind richtig, aber sie stehen lediglich für einen gewaltigen Vertrauensvorschuss. Ob er gerechtfertigt war, wird sich erst in den kommenden drei - wenn Obama wiedergewählt wird, in sieben - Jahren herausstellen. Denn nichts anderes sagt das Komitee, als dass es Obama für seine Abkehr von der Politik des Vorgängers, George W. Bush, dankt. Und dass es Hoffnung setzt für Klima, Abrüstung, Völkerverständigung. Doch das alles ist noch eine Sache der kurzatmigen Tagespolitik und entzieht sich dem Urteil. Es kann erst nach dem Ende der Amtszeit gefällt werden.

Die charismatische Kraft Obamas fasziniert die Menschen, seit der Ausnahmepolitiker zum Jahresende 2007 die Aufmerksamkeit der Welt gewonnen hatte. Diese charismatische Kraft ließ ihn Hillary Clinton bezwingen und schenkte ihm den Wahlsieg. Amerika war ausgehungert nach einem politischen Gegenmodell zu George W. Bush. Obama stillte diesen Hunger mit der nährenden Kraft seiner Worte. Obama sorgte in den ersten Monaten seiner Präsidentschaft allein mit Reden für eine der radikalsten Richtungsänderungen, die das schwankungsanfällige Amerika je erlebt hat. Bush ist vergessen, die USA wandeln wieder auf dem Pfad der Vernunft. Das ist einerseits eine großartige Leistung Obamas. Andererseits wurde sie nur möglich, weil Amerika seine Verirrung erkannt und Obama mit der Korrektur beauftragt hat.

Obama spielt alle Themen gleichzeitig

Nach den Worten müssen nun Taten folgen. Abrüstung, Klima, Iran, Afghanistan, Nahost, Gesundheitsreform, soziale Kluft - Obama spielt alle Themen gleichzeitig, und weil er erst seit wenigen Monaten die Klaviatur wirklich beherrscht, ist es zu früh für ein Urteil über die Virtuosität. Sicher, er hat die Raketenabwehr gestoppt, weil sie strategisch unsinnig, technisch fragwürdig und zu teuer war und insofern als Morgengabe für Abrüstungsverhandlungen taugte. Beleg für die erfolgreiche Abrüstungspolitik ist das nicht - Obama plant eine mobile Abwehr aufzubauen. Sicher, er ist auf die islamische Welt, und besonders auf Iran zugegangen. Genutzt hat es ihm bisher wenig. Sicher, Obama will sich konstruktiv in die Klimapolitik einbringen. Die letzten Winkelzüge von Kongress und seiner eigenen Regierung deuten eher ins Gegenteil.

Könnte es also sein, dass Obama am Ende scheitert, dass seine hehren Absichten Träume bleiben - und dass er den Preis damit zu Unrecht verliehen bekommen hat? Wer heute schon urteilt, ist unseriös. Der Preis ist eine Spekulation, eine Prophezeiung. Die von der Jury gelieferte Begründung reicht nicht. Das Komitee in Oslo zeigt sich erkenntlich, weil Obama die Welt vom Bush-Trauma befreite, weil er die außenpolitischen Verhältnisse wieder zurechtrückte. Aber Obama hat das auf dem Papier getan. Noch ist Guantanamo nicht geschlossen. Noch führen die USA in Afghanistan Krieg. Noch könnten die Taliban ihre Gewaltherrschaft wieder errichten, sollte Amerika überhastet abziehen. Noch könnte die islamische Welt einen Nuklear-Wettlauf veranstalten, sollte Iran die Bombe bauen. Noch, noch, noch...

Der Preis braucht Obama

Das Nobel-Komitee hat die Chance vertan, den Preis jenen zuzusprechen, die ihn wirklich gebraucht hätten: chinesischen Dissidenten, russischen Menschenrechtlern, den Demonstranten in Iran, dem Pfarrer Führer aus Leipzig stellvertretend für alle Montagsdemonstranten. Barack Obama braucht den Preis nicht. Der Preis braucht Obama.