Friedensnobelpreis für EU Therapiesitzung für den Krisenkontinent

Es ist derzeit schick, Europas überdrüssig zu sein. Die Dreifachkrise aus Schulden, Wettbewerbsgefälle und schlechten Regeln stellt die Union auf eine harte Probe. Doch ohne die EU wäre der Kontinent wahrlich schlechter dran.

Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Die Europäische Union ist in diesen Tagen nicht gerade ein Hort der Friedfertigkeit. Am Donnerstag ist wieder mal Gipfeltreffen in Brüssel, und was sich da seit Wochen abspielt, ist mit dem Begriff Machtkampf nur unzulänglich beschrieben. Es geht um blanke Vorteile, um Nationalismen, es geht um Kontrolle und Unterwerfung, um Regeln und Ausnahmen. Überhaupt haben die Europäer in den vergangenen drei Jahren nicht gerade ihr Gemeinschaftsgefühl gepflegt. Zorn ist noch eine der weniger gefährlichen Emotionen. Mancherorts hat sich die wechselseitige Abneigung der europäischen Völker zu einer politisch messbaren Größe verfestigt.

Es ist schick, gegen Europa zu sein. Es ist schick, gegen Deutschland zu sein - etwa in Italien oder Griechenland, aber auch in Frankreich, wo das hässliche Wort vom Pangermanismus in den Gazetten auftaucht. In Großbritannien schrieb eine linke Debattenzeitschrift, Kanzlerin Angela Merkel sei gefährlicher als der Iraner Mahmud Ahmadinedschad oder der Nordkoreaner Kim Jong Un. Verschwörungstheorien sind im Umlauf: der Euro als deutsche Unterwerfungsmaschine, ein Geheimplan aus den Neunzigern zur Unterjochung des Kontinents, quasi ein Schlieffenplan mit Geld statt Soldaten.

In Deutschland ist es wiederum schick, all dieses Europas überdrüssig zu sein. Man ist sich selbst genug. Außerdem braucht man diese Beleidigungen nicht - für die man anschließend auch noch zahlen soll. Und wie oft muss man eigentlich erklären, dass Euro-Bonds zwar ein angenehmes Mittel zur Erhaltung des hohen Lebensstandards wären, aber eben ein Mittel auf Kosten der reichsten Volkswirtschaft, das jegliche Anreize zum besseren Wirtschaften und Haushalten zerstört?

Therapiesitzung für die EU

Es hat sich was aufgestaut in Europa, weshalb die Verleihung des Friedensnobelpreises an die Union auch eine gute Gelegenheit zur Therapiesitzung bietet. Es ist zwar richtig, was Jean Monnet sagte: dass es immer noch besser sei, die Staaten Europas stritten sich am Verhandlungstisch, als dass sie gegeneinander Krieg führten. Andererseits aber ist diese Alternative reichlich vorgestrig. Eigentlich ist Europa weiter, als dass es immer noch die Kriegsdrohung als gefährlichste aller Optionen ins Spiel bringen müsste. Ja, natürlich ist der Mensch unfriedlich, und die Völker des Kontinents haben in der Geschichte länger Krieg geführt als den Frieden genossen. Aber die Friedenserfahrung der vergangenen 67 Jahre hat Europa stark und klug gemacht.

So stark und attraktiv ist diese Union, dass sie mit ihrem Regelwerk und ihrer einmaligen Mischung aus Nationalstaatlichkeit und Supranationalität wie ein Magnet auf alle wirkt, die nicht dabei sind. Wirklich auf alle? Natürlich ist Europa ein Erfolgsmodell, weshalb die Staaten Mitteleuropas dabei sein wollten nach dem Zusammenbruch des Ostblocks. Deswegen drängen heute die Staaten des Balkans in die Gemeinschaft - weil es ihre Sicherheit verbessert und Wohlstand garantiert. Size matters - für eine Nation wie Slowenien oder Litauen bietet die globalisierte Welt gar keine Alternative, als sich mit anderen zusammenzuschließen, um Schutz vor der Willkür der Märkte oder vor politischer Drangsaliererei zu suchen.

Die Krise schärft die Wahrnehmung

Und dennoch konfrontiert die Dreifachkrise aus Schulden, Wettbewerbsgefälle und schlechten Regeln dieses Europa mit der Gretchenfrage: Wollt ihr die Union um jeden Preis? Wollt ihr Europa nicht nur in guten Tagen, sondern auch in schlechten? Denn die Zeiten der Vorteilsgemeinschaft scheinen erst einmal vorbei zu sein. Nun nimmt Europa, es gibt nicht - zumindest nicht in Euro und Cent.

Eine Krise birgt den Vorteil, dass man die Dinge häufig schärfer sieht. Wer in den Abgrund blickt, der schätzt den festen Stand. Deswegen bietet der Friedensnobelpreis mitten im Existenzkampf Europas um seine Währung und damit um seinen Zusammenhalt den richtigen Anlass, um innezuhalten. Zu sehen ist in diesem Moment ein gewaltiges Maß an Erosion. Zu sehen sind nationale Kleingeistigkeit und Egoismus. Zu sehen ist erschreckend wenig Gemeinsinn in der Union. Es ist die Nation, die Sicherheit verspricht. Und selbst die ist häufig noch zu groß für die vielen Eigenbrötler, die von Katalonien bis Schottland ihre Variante vom Schneckenhaus predigen. Das alles zeugt von einer Überforderung mit Europa.

Wenn Europa seinen Bürgern die Geborgenheit und Sicherheit nicht geben kann, dann wendet sich die Maschine gegen ihre Erfinder. Dann entstehen Ressentiments. Dagegen kann man aber auch angehen: mit Toleranz, Großmut, Geld, sehr viel Ehrlichkeit in der Politik - und der Gewissheit, dass es ohne die Europäische Union wahrlich schlechter um den Kontinent stünde.