Taten statt "zuckersüßer Worte": In der muslimischen und arabischen Welt trifft Obama auf Skepsis, denn auch als Friedenspreisträger wird er weiter Krieg führen müssen.
Die Rede an die Muslime, die Barack Obama im Juni 2009 in Kairo hielt, war eines zukünftigen Friedensnobelpreisträgers würdig. Der US-Präsident sprach quälende Fragen an, ohne neue Gräben aufzuwerfen gegenüber Arabern und Muslimen. Entsprechend waren die Reaktionen: voller Sympathie, aber mit einem gerüttelten Maß an Skepsis.
Bild vergrößern
US-Präsident Barack Obama: Reaktionen voller Sympathie, aber mit einem gerüttelten Maß an Skepsis. (© Foto: dpa)
Anzeige
Der Tenor im Volk und bei den Politikern aller Lager war: Obama habe dem Islam als Religion und Kultur Respekt erwiesen und den Muslimen viel versprochen. Was aber mehr zähle als "zuckersüße Worte" seien die Taten. Die Bilanz der Friedensbemühungen Obamas im Nahen Osten bestätigt die Skepsis.
Ein Beispiel ist Obamas Initiative, die Friedensverhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern aus dem Stand neu zu beleben und zu einem raschen Ende zu bringen. Mit seiner ultimativen Forderung an Israel, den Siedlungsbau in den besetzten Gebieten einschließlich Ost-Jerusalems sofort einzustellen, hat er aus arabischer Sicht guten Willen gezeigt.
Er hat aber einen taktischen Fehler begangen. Israels Premier Benjamin Netanjahu stellte sich stur, schickte den US-Unterhändler George Mitchell mit leeren Händen nach Hause und baut derweil weiter. In den Augen der Palästinenser und der arabischen und islamischen Welt hat sich Obama entlarvt: als Makler, der entweder machtlos ist oder aber auf Seiten der Israelis steht.
Auch im Irak ist die Friedensbilanz bisher nicht eindeutig. Den Plan für den Truppenabzug hatte noch Obamas Vorgänger George W. Bush ausgehandelt: Bush wollte zwar nie einen konkreten Termin für einen endgültigen Abzug festlegen, die irakische Regierung zwang ihn aber dazu. Obama hatte sich im US-Wahlkampf dafür stark gemacht, die amerikanischen Soldaten schneller abzuziehen.
Es ist ein Versprechen, das er zumindest in Teilen einhalten kann: Die Planungen für die Rückverlegung der Soldaten laufen auf Hochtouren. Bis Mitte 2010 sollen die letzten Kampftruppen aus dem Land sein. Die Lage im Irak kann sich aber rasch wieder ändern. Etwa, wenn die Kurden in einen Konflikt mit der Zentralregierung in Bagdad geraten sollten. Dann wäre der Totalabzug in Frage gestellt.
Auch wenn alle US-Soldaten den Irak fristgerecht verlassen können: Ein Teil marschiert direkt nach Afghanistan. Am Hindukusch ist die Friedensbilanz des US-Präsidenten ebenso vage. Obama nennt den Afghanistan-Krieg die entscheidende Auseinandersetzung im Kampf um die Sicherheit der USA. Er hat noch nicht entschieden, ob er dem Wunsch seiner Generale nach einer deutlichen Truppenaufstockung nachkommen wird.
Die Alternative wäre ein stark "begrenzter Krieg" gegen al-Qaida in Afghanistan und Pakistan: mit Hilfe von Spezialtruppen und Raketen verschießenden Drohnen.
Der Friedensnobelpreisträger wird nicht umhin können, in den beiden muslimischen Staaten weiter Krieg zu führen. Es nützt ihm wenig, dass der angeschlagene afghanische Präsident Hamid Karsai am Freitag sofort Glückwünsche sandte. Aussagekräftiger ist wohl die Reaktion der Taliban: "Wir verurteilen den Preis als ungerecht."
Bleibt der Konfliktherd Iran. Sollte der Streit um dessen Atomprogramm eskalieren, könnte es zu einem israelischen Luftangriff auf die Nuklearanlagen kommen. Die USA könnten sich in diesem Fall nur schwer aus dem Konflikt heraushalten. Sie würden den Angriff möglicherweise gemeinsam mit den Israelis fliegen oder sogar alleine führen müssen. Dann wäre Barack Obama ein Friedensnobelpreisträger, der einen neuen Krieg im Mittleren Osten beginnt.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
- Thema
- Barack Obama RSS
- Internationale Reaktionen auf Obama "Ein Appell an uns alle" 09.10.2009
- Friedensnobelpreisträger Obama Der Versöhner 09.10.2009
- Friedensnobelpreis Obama, das Nobel-Komitee und der Messias-Wahn 09.10.2009
- Friedensnobelpreis: US-Reaktionen auf Obama "Schlicht bizarr" 09.10.2009
- Friedensnobelpreis Obama Superstar 09.10.2009
- Barack Obama und Hamid Karsai Angespannte Annäherung 13.05.2010
- Politik kompakt Angriff auf die Kirche "aus dem Innern" 11.05.2010
(SZ vom 10.10.2009/bica)
Protest gegen dritte Startbahn
hat bisher nur Versprechungen gemacht, aber noch keine außenpolitischen Erfolge.
Dafür ist der Nobelpreis zu früh gekommen, erst nach einigen außenpolitischen Erfolgen
wäre er sinnvoll gewesen. Tja, so ist es nun mal, dass man bereits für Versprechungen ausgezeichnet wird.
Er ist ein guter Präsident, aber das Komitee hätte mit der Auszeichnung für ihn warten sollen, bis sich die ersten Erfolge eingestellt haben
...kann's nur wiederholen, dass ich auch ziemlich überrascht bin.
Kann auch verstehen, wenn es Leute gibt, die das - in nüchternem Ton (und eben nicht in Hasstiraden) - ablehnen.
Ich für meinen Teil freue mich aber immer noch, da ich zumindest viele seiner akklamierten Zielsetzungen für glaubhaft halte.
Ja, so ist es, Makler ohne/mit beschränkter Macht:
- Das Verhältnis zu Israel war immer ein sensibles. Da kann man nicht ganz so einfach - wie in der Vorstellung mancher Poster - gleich mit Sanktionen, etc. drohen.
Aber klar, am Schönsten wär's, die Regierung Netanyahu würde baldmöglichst abgewählt und eine neue würde der Forderung Obamas nachkommen;
- Guantanamo: Ja, traurig, dass es stockt. Helfen ja auch alle toll mit. Schäuble kriegt 'n Anfall, wenn es um ein Dutzend Uiguren geht, die in unserem Lande keine Gefahr darstellen würden.
-------------------------
Ja, die Hardcore-Anti-US-Front hier verlangt ja immer den sofortigen Kotau der USA. Überall raus, ohne Zurückgucken, demütiges Mea-Culpa-Leiern und dass eigentlich alle, alle anderen in dieser Welt so friedfertig sind, außer den Amis.
Also die Zwickmühlen in denen Obama steckt, sind enorm. Und wenn er die Politik verfolgte, die den außenpolitischen Antipoden zur USA am Besten gefiele, wäre er 2012 auch bei geschätzten 30% bei US-Wahlen.
Sorry, ich meinte natürlich den Unterschied zur Bush-Regierung.
Der Verzicht auf den Raketenschild ist vielleicht doch eine wichtige Veränderung.
Trotzdem denke ich, dass die Berliner Ihre Jubelei ein wenig übertrieben haben,
man sollte schon warten und sehen, was am Ende rauskommt.
Hinsichtlich der Aussenpolitik der Bush-Regierung vermag ich auch bei genauerem Hinsehen keinen Unterschied zur Obama -Administration zu erkennen.
Wenn man zu diesem Thema überhaupt Wertungen abgeben möchte, taucht immer wieder die Frage auf, weshalb das UN-Kriegsverbrechertribunal von den USA nicht anerkannt wird, ich denke in diesem Zusammenhang an Herrn Rumsfeld.
Des weiteren denke ich an die immer noch bestehenden Folterlager in Cuba und die dort begangenen Menschenrechtsverletzungen. Dazu gehört natürlich auch die Frage nach substanziellen Änderungen seit der Regierungsübernahme Obamas.
Ich persönlich hätte da auch noch mindestens ein bis zwei Jahre gewartet. Aber was hier im Forum aus purem Neid teilweise für Hasstiraden gegenüber Obama hochkommen dabei kann ich auch nicht ruhig bleiben. Er hat sich den Preis nicht selbst verliehen.
Paging