Friedensnobelpreis Frauen müssen Frauen schützen

Alfred Nobel würde sich freuen: Indem das Nobelkommitee dieses Jahr unbekannte Friedensaktivistinnen statt potenter Machtpolitiker auszeichnete, hat es dem Preis seine eigentliche Funktion wiedergegeben. Denn Ellen Johnson-Sirleaf, Leymah Gbowee und Tawakkul Karman bekämpfen ein Problem, das die ganze Welt betrifft.

Ein Kommentar von Cathrin Kahlweit

Leymah wer? Tawakkul wie bitte? Angesichts der Konkurrenz männlicher Schwergewichte wie Helmut Kohl oder gewichtiger Organisationen wie der Europäischen Union ist der Friedensnobelpreis diesmal eher ein Rätselpreis: Von den drei geehrten Frauen ist nur Ellen Johnson Sirleaf einem größeren Publikum bekannt, weil die liberianische Präsidentin weltweit als Glücksfall für das zerstörte Land gilt. Sie bekommt den Preis gemeinsam mit der Bürgerrechtlerin Leymah Gbowee und der Journalistin Tawakkul Karman. Da müssen selbst eingefleischte Experten erst einmal nachschlagen. Aber: Das macht die Entscheidung des Komitees umso richtiger.

Die meisten Ehrungen der vergangenen Jahre waren eher politische Statements und eine Verbeugung vor dem Zeitgeist. Geehrt wurden immer wieder Politiker, die den Preis mit der ganzen Ambivalenz staatlicher Machtpolitik befrachteten. Das kam nicht gut an - und entwertete die Idee von Alfred Nobel.

Diesmal, das wurde allgemein erwartet, würde der arabische Frühling mit einem seiner Protagonisten an der Reihe sein, und das Komitee in Oslo ehrt in Tawakkul Karman ja auch tatsächlich eine Bürgerrechtlerin aus der arabischen Welt. Aber die Begründung würde Nobel gefallen, denn: Die drei Frauen werden ausgezeichnet für ihren "gewaltfreien Kampf für die Sicherheit von Frauen und für die Rechte von Frauen für volle Teilnahme an friedensbildender Arbeit".

Das nun aber ist kein arabisches Thema, es ist kein afrikanisches Thema, es ist ein Weltthema, wie die Vereinten Nationen mit zwei Resolutionen zu "Frauen, Frieden und Sicherheit" in den Jahren 2000 und 2009 deutlich gemacht haben. Frauen seien in "allen Phasen von Friedensprozessen unterrepräsentiert". Frauen müssten in Kriegen und Konflikten nicht nur besser geschützt werden, sie könnten auch viel mehr beitragen zur Beilegung der Gewalt.

Frauen müssen Frauen schützen, ist also die Devise, denn 75 Prozent aller Flüchtlinge weltweit sind Frauen und Kinder. Frauen werden außerdem zunehmend zum Werkzeug der Kriegsführung: Mit sexueller Gewalt werden Menschen, Familien, Gesellschaften zerstört - und die Täter bleiben oft unbehelligt. Bei Verfahren gegen Kriegsverbrecher wird der Anklagepunkt "Massenvergewaltigung" oft ausgespart, weil man die Zeuginnen nicht schützen kann oder den Fall schnell abschließen will.

Johnson-Sirleaf, Gbowee und Karman sind in dieser Hinsicht würdige Preisträgerinnen. Ihre Ehrung zeigt, dass Frauen in Friedensprozessen weltweit eine aktive Rolle spielen - aber auch, dass Frauen dabei noch viel mehr leisten könnten. Die drei haben übrigens eine würdige Vorgängerin: 2004 bekam die kenianische Aktivistin Wangari Maathai den Friedensnobelpreis, die damals auch kaum jemand kannte. Sie starb vor wenigen Tagen, aber ihre Frauenpolitik, mit der sie afrikanische Gesellschaften befrieden helfen wollte, ist heute so anerkannt wie nie.