Friedensnobelpreis Ein Zeichen für die Kinder

Das kostbarste Gut einer menschliche Gesellschaft: ihre Kinder (im Bild: Schulmädchen in Pakistan).

(Foto: AP)

Mit Malala Yousafzai und Kailash Satyarthi teilen sich eine Pakistanerin und ein Inder den Friedensnobelpreis. Die Auszeichnung wird die beiden verfeindeten Länder nicht versöhnen. Vielmehr ist die Osloer Entscheidung eine Mahnung, sich für das kostbarste Gut zu engagieren, das eine Gesellschaft hat.

Von Arne Perras

Wer in diesen Tagen auf Indien und Pakistan blickt, bekommt nicht den Eindruck, dass dort der Frieden ausgebrochen ist. Im Gegenteil: Das Grenzgebiet ist eine umkämpfte Front, dort beschießen sich die beiden Atommächte gegenseitig mit Granaten, es gibt Tote und Tausende Menschen sind auf der Flucht. So massiv haben sich die beiden Rivalen im umstrittenen Kaschmir schon seit Jahren nicht mehr bekämpft. Die Gewalt schürt Ängste vor einem neuen größeren Krieg. Mitten hinein in dieses beunruhigende, martialische Muskelspiel platzte nun die Botschaft aus Oslo: Den diesjährigen Friedensnobelpreis teilen sich in diesem Jahr das pakistanische Mädchen Malala Yousafzai und der indische Kinderrechtler Kailash Satyarthi.

Sorgfältig ausbalanciert ist diese Wahl ganz sicher, ein Hindu und eine Muslimin bekommen den prestigeträchtigen Preis, ein Inder und eine Pakistanerin - als wollte das norwegische Komitee jeden möglichen Vorwurf der Parteilichkeit vermeiden. Wird diese Entscheidung nun auch ein Zeichen für die indisch-pakistanische Versöhnung setzen? Wohl kaum, denn die Gefechte in den Bergen von Kaschmir folgen anderen Gesetzen, sie sind getrieben vom hochgezüchteten nationalen Stolz und politisch-militärischen Kalkül zweier aufgerüsteter Gegner.

Die Preisträger engagieren sich für das höchste Gut

Die Leistungen der beiden Preisträger, die so viel Mut in ihrer Arbeit bewiesen haben, schmälert diese Einschätzung keineswegs. Deren Würdigung lag nahe, weil sich beide Aktivisten für das kostbarste Gut engagieren, das eine menschliche Gesellschaft hat: ihre Kinder.

Die Entscheidung ist vor allem eine Mahnung: In vielen Staaten werden die Heranwachsenden, die die Zukunft verkörpern, noch immer mit Füßen getreten. Brutale Kinderarbeit, Ausbeutung und die Ausgrenzung von Mädchen aus den Schulen ist vielerorts Alltag. Die Osloer Entscheidung wird daran kurzfristig nichts ändern. Und langfristig entfalten die richtigen Botschaften nur dann Wirkung, wenn die politischen Eliten Bildung tatsächlich als ein universelles Recht ansehen, und nicht als Privileg einiger weniger auf Kosten der großen Masse.

Bildung macht die Welt nicht per se friedlicher

Das Signal dieser Entscheidung weist weit über Südasien hinaus. Denn die Knechtschaft von Kindern ist ein Übel, das viele Väter hat: Armut, Korruption, Engstirnigkeit, Fanatismus und manchmal auch die naive Sorglosigkeit einer satten westlichen Welt, in der es immer noch schick ist, die billigsten Kleider einzukaufen, ohne ernsthaften Blick für das Elend, das oftmals Folge der niedrigen Preise ist.

Es bleibt jedoch der politisch völlig unkorrekte, aber dennoch berechtigte Zweifel, ob Bildung tatsächlich immer den Frieden befördert. Es ist ja nicht so, dass Warlords, Terroristen oder sonstige Aggressoren stets einer Schule ferngeblieben wären, vielmehr kommen gerade sie häufig aus den gebildeten Schichten. Bildung macht die Welt nicht per se friedlicher, auch wenn das an diesem Tag der Osloer Entscheidung so aussehen mag.