Freiwillige Helfer in Griechenland "Die Aussortierten werden in Lagern inhaftiert"

Zweiter Weihnachtsfeiertag auf Lesbos: Ein Helfer weist einem überfüllten Flüchtlingsboot den Weg.

(Foto: AP)

Axel Steier aus Dresden hilft Flüchtlingen in Griechenland. Er beklagt anhaltende massive Probleme bei der Versorgung.

Interview von Oliver Das Gupta

Im November 2015 haben sich Axel Steier und andere Bürger der sächsischen Landeshauptstadt zum "DresdenBalkanKonvoi" zusammengeschlossen. Drei Konvois mit gespendeten Decken, Nahrung und Arzneimitteln brachten die Sachsen vor Weihnachten auf den Weg, um Flüchtlinge in Slowenien, Mazedonien und Serbien zu versorgen. Derzeit engagiert sich die Gruppe auf den griechischen Inseln Chios und Lesbos sowie gemeinsam mit anderen NGOs an der mazedonisch-griechischen Grenze. Neben dem humanitären Engagement übernimmt "DresdenBalkanKonvoi" Monitoring-Aufgaben: Die Helfer überwachen, wie die Behörden mit Flüchtlingen umgehen. Was als spontane Hilfsaktion entstanden ist, soll nach den Worten von Mitinitiator Steier bald eine feste Institution hilfsbereiter Sachsen werden: Die Vereinsgründung ist im Gang.

SZ: Herr Steier, wie ist die Lage in diesen Tagen nach Weihnachten auf Lesbos und Chios?

Axel Steier: Angespannt und nicht gerade festlich. Nach wie vor kommen immer noch Boote an und dann geht es rund. Dann müssen hunderte Menschen auf einmal versorgt werden. Erst am Dienstag haben wir eine Familie mit einem drei Monate alten Säugling gehabt. Das Baby hat auf der Flucht dramatisch Gewicht verloren und hätte wohl die nächsten Tage nicht überlebt.

Wie kümmern sich die offiziellen Stellen um die Flüchtlinge?

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR sorgt für Kleinkinder und für Decken, für andere Dinge ist es allerdings auch nicht zuständig in der EU. Das müsste der griechische Staat machen. Aber der zieht sich zurück. Momentan decken wir und Helfer anderer NGOs eine Lücke ab.

Was bedeutet das genau?

Auf Chios sind wir momentan die einzigen, die kochen. Wir betreiben eine Küche für 1000 Menschen und versorgen die Ankommenden am Hafen. Auf Lesbos ist die Situation ähnlich. Dort kochen wir im Camp der Aussortierten.

Was ist das "Camp der Aussortierten"?

Dort warten diejenigen, die nicht aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak kommen. Meist handelt es sich um Iraner und Nordafrikaner. Darunter befinden sich auch oft Homosexuelle, die in ihren Heimatländern verfolgt werden.

Was passiert mit diesen Menschen?

Die "Aussortierten" dürfen nicht aufs Festland, sie werden zunächst nicht registriert. Und wenn sie registriert werden, dann werden sie in Lagern inhaftiert. Ein solches "Detention Camp" soll auf Chios eröffnet werden. Es liegt nur 15 Autominuten vom Flughafen entfernt, was Abschiebungen erleichtern soll. Mitte Januar sollte das Lager fertig sein, es soll nach unseren Informationen für 1090 Personen ausgelegt sein. Aber angesichts des Zustandes dürften die Bauarbeiten nicht rechtzeitig abgeschlossen sein.

Für Ihren Verein sind in Griechenland etwa 20 Menschen tätig. Das Reisen, die Nahrungsmittel und die Ausrüstung: Wie hoch ist Ihr Budget pro Tag?

Es liegt bei etwa 600 Euro.

Wo kommt das Geld her?

Wir finanzieren alles erstmal privat vor. Durch Spenden kommt dann das Geld wieder rein.

Wie viel Geld haben Sie persönlich in den Topf geworfen?

5000 Euro, aber ich bin nur einer von mehreren. Und ich bin momentan zu Hause. Die große Leistung liegt bei den Helfern, die vor Ort sind. Sie arbeiten von früh bis spät. Sie tun das ohne Bezahlung, sie opfern ihren Urlaub. Und trotzdem sind sie hochmotiviert.

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