Franziskus beim Weltjugendtag Der Papst, der sich den Menschen ausliefert

Als hätte der Regen von Rio de Janeiro den Mehltau abgewaschen, der sich klebrig über die katholische Kirche gelegt hat: Papst Franziskus reist im Triumph durch Brasilien. Nicht weil er Probleme löst, sondern weil er die Menschen mitnimmt.

Ein Kommentar von Matthias Drobinski

Da ist dieses schwarzhaarige Mädchen. Es hält dem alten Mann, der durch die Menge geht, ein weißes Käppchen hin, sie bettelt und fleht, und dann nimmt der Mann in Weiß seinen Pileolus vom Kopf, und die beiden tauschen. Da ist die junge Frau, die den Papst begrüßen soll, doch vor dem Millionenpublikum kriegt sie das Zittern und Stottern wie im Albtraum, bis Franziskus einfach zu ihr hingeht und sie umarmt.

Der Weltjugendtag in Brasilien ist im Regen und im Schlamm beinahe ertrunken, die Kälte ist den Gläubigen aus aller Welt bis in die Knochen gekrochen. In ihren Herzen aber ist es warm geworden. Da überspringt ein Papst alle Mauern, predigt in der Favela vom Dach einer Umkleidekabine und lässt die Politiker warten, um erst mal mit den Leuten auf der Straße zu reden. Er zeigt, dass der Glaube nicht nur eine Sache des Geistigen ist, sondern auch der Erfahrung, der Begegnung, des Körperkontakts. Für den scheuen Papst Benedikt XVI. stand das immer unter dem Verdacht des Subjektivismus, der den Glauben für kleine Münze verkauft.

Es ist ein bisschen ungerecht, Benedikt an Franziskus zu messen, den alten Papst zur Negativfolie des neuen zu machen. Den Papst aus Deutschland begleitete, wohin er auch reiste, der Skandal der sexuellen Gewalt durch katholische Priester, und vielleicht hat er ja tatsächlich in der Theologie so viel (im Guten wie im Schlechten) festgeschrieben, dass der Neue sich darum nicht mehr kümmern muss.

Aber der Unterschied ist nicht zu leugnen: Als Papst Benedikt 2007 nach Brasilien reiste, da geißelte er wie nun Franziskus die globale Ungerechtigkeit und die hemmungslose Gier, in einem Fußballstadion warteten 40.000 erfreute Jugendliche. Am Ende aber waren vor allem die Ureinwohner beleidigt, denen Benedikt erklärt hatte, ihre Vorfahren hätten mit stiller Sehnsucht auf die Christianisierung gewartet.

Nun ist es, als hätte der Regen von Rio de Janeiro den Mehltau abgewaschen, der sich klebrig über die katholische Kirche gelegt hatte. Der Papst aus Argentinien ist im Triumph durch Brasilien gereist. Er hat nicht die Probleme des Landes gelöst. Über sein "Nein" zu jeder Freigabe von Drogen kann man streiten, und zu Sexualität und Homosexualität, Frauen und Kirche sowie zum Zölibat hat er nichts gesagt, was auf irgendeine Änderung der bekannten Positionen deutet.

Das Amt hat den Menschen zu dienen - nicht umgekehrt

Drei Millionen feiern mit Franziskus

mehr...

Der Papst hat etwas anderes getan. Er hat die Leute persönlich genommen, manchmal sich ihnen geradezu ausgeliefert. Er hat ihnen Hoffnung gemacht, dass die Welt nicht die alte, schlechte bleiben muss, dass diese Vision keine Vertröstung aufs Jenseits ist, sondern dass die neue Wirklichkeit schon jetzt begonnen hat. Und die Leute glauben es ihm und spüren die Kraft, die hinter solchen Gedanken steckt.

Man kann diesem Papst das Gottesnarrentum vorwerfen, mit dem er Witzchen in seine Ansprachen streut und mit Amt und Würde spielt. Man kann sich an dem Schlichten in seinen Predigten stoßen und ihm gar Populismus vorwerfen - das alles aber unterschätzt den Mann grandios. Was Franziskus bislang getan hat, deutet darauf hin, dass er einen klaren Plan hat, wie das Amt zu führen ist. Für ihn hat es dem Menschen zu dienen und nicht der Mensch dem Amt. Das ist für ihn Gottes Auftrag an die Kirche: bei den Leuten zu sein.

Franziskus tut das im Grunde in einem ziemlich konservativen Miteinander von Religion und Politik. Jeder hat seine unverkäufliche Würde und von daher seinen Anspruch auf einen Platz im Leben. Wo Menschen aber zum Objekt der Politik und Ökonomie werden, ist die Kirche gefragt; hier entscheidet sich, ob sie ihrem Auftrag gerecht wird.

Franziskus hat das in Brasilien nicht sonderlich differenziert vorgetragen. Er hat sich auf keine politische Seite geschlagen, sicher zur Enttäuschung der Linkspopulisten des Kontinents. Franziskus hat den Gläubigen gesagt, dass das mit der Ungerechtigkeit so nicht bleiben kann. Wer will, kann das als naiv abtun. Die Naivität erweist sich aber als Stärke, weil man schon im Formulieren der Einwände merkt: Der Mann hat ja recht.

Der Papst in Brasilien beim Weltjugendtag - das hat die Welt ein bisschen, Brasilien vielleicht ein bisschen mehr verändert. Vor allem aber hat es das Papstamt verändert, weniger durch die Worte als durch die Zeichen. Franziskus besucht eine 80-Jährige in ihrer schlichten Wohnung - daran werden sich seine Nachfolger messen lassen müssen.

Solche Zeichen nutzen sich ab, sagen inzwischen Kritiker des Papstes. Na und? Irgendwann wird eben normal, was einst außergewöhnlich war. Und wenn es einmal normal ist, dass ein Papst die Armenviertel der Welt besucht, dann ist das nicht das Schlechteste, was der katholischen Kirche passieren kann.