Frankreich Wie der Front National eine "normale" Partei wurde

Wahlplakate des Front National im Paris des Jahres 1974

(Foto: AFP)

Vor mehr als 40 Jahren gründet ein Haufen rechter Spinner eine Partei. Inzwischen sind viele Franzosen erleichtert, wenn der Front National bei einer Wahl nicht ganz vorne landet. Wie ist es so weit gekommen?

Von Lilith Volkert

Inzwischen kommen die politischen Erdbeben in Frankreich so regelmäßig, dass viele Franzosen froh sind, wenn der Boden nur ein bisschen wackelt. Bei der ersten Runde der Départementswahl Ende März fährt der rechtsextreme Front National (FN) mit 25 Prozent ein historisches Ergebnis ein. Trotzdem überwiegt bei Sozialisten wie Konservativen die Erleicherterung: Zumindest ist die Partei nicht stärkste Kraft geworden.

Der Front National wurde lange als Spinnertruppe und reine Protestpartei belächelt, später als rechte Gefahr verteufelt. Umso größer natürlich die Überraschung, als er - vermeintlich aus den Nichts - ernsthafte Wahlerfolge vorweisen konnte. Dabei hat die Partei lange dafür gearbeitet - und auch von den etablierten Parteien Unterstützung bekommen. Ein Überblick über fünf Jahrzehnte.

Gründung und erste Schritte (1972-1979)

Es ist ein eigenwilliger Haufen, der sich am 5. Oktober 1972 in Paris versammelt, um die Partei "Nationale Front für die französische Einheit" (Front National pour l'unité française) zu gründen. Auf Initiative der faschistischen Organisation "Ordre nouveau" treffen sich ehemalige Nazi-Kollaborateure und Widerstandskämpfer, Veteranen aus dem Algerien-Krieg und Vertreter verschiedener rechter Splittergruppen.

Sie alle eint der Wunsch, bei der Parlamentswahl im folgenden Jahr zum Schutz der "französischen Identität" gegen den Kommunismus einzutreten. Weitere Ziele: die Einwanderung beschränken, die mit der ehemaligen Kolonie Algerien geschlossenen "Verträge von Evian" kündigen und ganz allgemein der seit Kriegsende geächteten extremen Rechten wieder eine Stimme zu verleihen.

Als Vorsitzender wird Jean-Marie Le Pen gewählt, ein 44-jähriger Politiker, Unternehmer und ehemaliger Fremdenlegionär, der die Partei fast vier Jahrzehnte führen wird. Bei der Präsidentschaftswahl 1974 bekommt er nicht einmal ein Prozent der Stimmen.

Durchbruch und Profilierung (1980-1989)

Der Front National entwickelt sich langsam von einer Splittergruppe zu einer ernstzunehmenden Partei und verbündet sich zunehmend mit anderen rechten Gruppierungen. Die etablierten bürgerlichen Parteien wissen nicht, wie sie auf die neue politische Kraft reagieren sollen. In einigen Regionen arbeiten sie mit FN-Politikern zusammen.

Bei der Europawahl 1984 schafft der FN mit elf Prozent der Stimmen den Durchbruch. Le Pen zieht mit neun weiteren Abgeordneten erstmals ins EU-Parlament ein und wird Fraktionsvorsitzender der Europäischen Rechten.

Jean-Marie Le Pen fällt immer wieder durch rassistische und judenfeindliche Äußerungen auf. 1987 sagt er in einem Interview, die Gaskammern der Nationalsozialisten seien ein "Detail der Geschichte des Zweiten Weltkrieges" gewesen - was zwar einen Sturm der Entrüstung auslöst, ihm aber politisch kaum schadet. Für diese Aussage, die er über die Jahre hinweg immer wieder öffentlich wiederholt, wird Le Pen mehrfach zu Geldstrafen verurteilt.

Streit und Spaltung (1990-1999)

Im katholisch geprägten Süden erobert der Front National erste Rathäuser: 1995 stellt die Partei die Bürgermeister in Marignane, Orange und Toulon, zwei Jahre später in Vitrolles. Hier kann die Partei in den folgenden Jahren das Regieren üben und sich über eine nationale Strategie Gedanken machen. Das französische Mehrheitswahlrecht - nur der Kandidat, der seinen Wahlkreis gewinnt, bekommt einen Platz im Parlament - benachteiligt kleine Parteien. Die oft zweistelligen Wahlergebnisse des FN schlagen sich selten in Mandaten nieder.

Ein langjähriger Konflikt zwischen Jean-Marie Le Pen und seinem Stellvertreter Bruno Mégret reibt die Partei auf. Es geht um die künftige Linie, Führungsanspruch und persönliche Differenzen. 1998 kommt es zur Spaltung: Mégret verlässt mit mehreren führenden Köpfen den FN und gründet die Partei "Mouvement national républicain". Durch den Streit habe der Front National zehn Jahre verloren, sagt Parteivize Louis Aliot heute.

Auch für Jean-Marie Le Pen persönlich läuft es nicht besonders gut, er steht einmal mehr vor Gericht. Weil er eine sozialistische Politikerin körperlich angegriffen hat, darf er ein Jahr in kein Amt gewählt werden. Wegen rassistischer und antisemitischer Äußerungen sowie der Verharmlosung von Kriegsverbrechen wird Le Pen in seiner politischen Laufbahn mehr als zwei Dutzend Male zu Geldstrafen verurteilt.