Von Julia Amalia Heyer

Polit-Dynastien sind in Frankreich nichts Ungewöhnliches. In dem Land, das sich die Gleichheit aufs Banner geschrieben hat, reproduziert sich die Elite am liebsten selbst.

Es war live und er sah gut aus. Reif und sehr überlegt - auch wenn ihn die randlose Brille nicht unbedingt älter machte. Jean Sarkozy erklärte am Donnerstagabend im französischen Pendant der Tagesschau ganz offiziell, doch nicht Direktor des spiegelglasglitzernden Geschäftsviertels La Défense werden zu wollen. Die Haare mittlerweile kurz, die Lippen immer noch voll, die Haut immer noch pfirsichteintig, sprach der 23-jährige Sohn von Nicolas Sarkozy von einer "Vernunftentscheidung".

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Wenn der Vater dem Sohn zu den ersten Schritten der politischen Karriere gratuliert... dann handelt es sich um Nicolas und Jean Sarkozy. (© Foto: AP)

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Seine Kandidatur ziehe er zurück, weil er, im Falle seiner Wahl zum Direktor, "den Verdacht der Vetternwirtschaft" nicht ertragen könne. Klar und deutlich erklärte des Präsidenten Zweitgeborener vor kühler blauer Fernsehstudiokulisse den Franzosen, dass er sich als Opfer einer "Hetzkampagne" sehe. Ob sein Vater ihn zu dieser Entscheidung gedrängt habe, fragte der Moderator ungerührt. Jean Sarkozy gab die kluge Antwort eines hochwohlerzogenen Franzosen: "Wenn Sie fragen wollen, ob ich mit dem Präsidenten über meinen Entschluss gesprochen habe, lautet die Antwort: Nein. Aber natürlich habe ich mit meinem Vater darüber gesprochen." Er sei da nicht anders als andere Söhne. Wenn es etwas Wichtiges gebe, spreche ein Sohn mit dem Vater darüber.

Jean Sarkozy ist aber nicht nur (s)eines Vaters Sohn, er ist auch Politiker. Dem Ratsvorsitzenden des reichsten Departements Frankreichs, zu dem er vor zwei Jahren gewählt worden war, ist nicht entgangen, dass es sich bei dem Widerstand gegen seine Personalie wohl um mehr als nur Oppositionsgeplänkel handelte. Einer Umfrage zufolge, erschienen in der Kapitalen-Postille "Le Parisien", sprachen sich zuletzt zwei Drittel der Franzosen gegen eine Kandidatur des Präsidenten-Filius aus.

Im Land der Sonnenkönige

Die Vehemenz der Reaktionen gegen Jean Sarkozy ist erstaunlich für Frankreich, wo personelle Verflechtungen oder auch Vetternwirtschaft die politische Elite konstituieren. Und das nicht erst seit gestern. Das Phänomen des Nepotismus ist auch nicht mit der Fünften Republik oder gar mit Sarkozy entstanden. Auch andere (Präsidenten-)Väter liebten ihre Kinder: Francois Mitterrand machte seinen Jean-Christophe zum Gesandten Frankreichs für Afrika und Jacques Chiracs Tochter Claude war lange Jahre nicht nur seine engste Beraterin sondern auch Kommunikationschefin im Élysée-Palast. Martine Aubry, Tochter von Jacques Delors, dem langjährigen Vorsitzenden der EU-Kommission, ist mittlerweile die mächstigste Sozialistin Frankreichs. Um nur drei Beispiele zu nennen.

Auch der mittlerweile inflationär gebrauchte Begriff des Sonnenkönigs war schon immer beliebt, die Machtfülle eines französischen Staatsoberhauptes zu charakterisieren. Den Diskurs einer Monarchie républicaine, einer demokratischen Monarchie, gibt es unter französischen Soziologen und Politikern seit langem.

Allerdings mehren sich die Zeichen, dass Nicolas Sarkozy es nun übertrieben hat. Dass die Franzosen sein Gebaren ras-le-bol haben. Was bedeutet, dass sie es leid sind. Und diesem Volksgefühl trägt nun auch Sohn Rechnung. Indem er seine Ambitionen vorerst auf Eis legt, auf den Direktorenposten verzichtet und sich nur in den Aufsichtsrat jenes Verwaltungsunternehmens von La Défense wählen ließ.

Ein ständiges Geben und Nehmen

Gegenseitige Begünstigungen unter Freunden und das (auch öffentliche) Auskosten von Privilegien zieht sich durch die gesamte Präsidentschaft Sarkozys. Unmittelbar nach seiner Wahl urlaubte er samt Familie, damals noch mit Ehefrau Cécilia - übrigens ganz offiziell die Cheforganisatorin seines Wahlkampfes - auf der Jacht seines Freundes Vincent Bolloré. Der Chef der sechstgrößten Werbeagentur der Welt stellte seinem zukünftigen Präsidenten mal eben sein 15-Meter-Boot zur Verfügung. Bolloré besitzt auch Zeitungen und einen Fernsehsender.

Allerdings keinen so großen und wichtigen wie Martin Bouygues. Zu Bouygues Kommunikationsimperium gehört TF1; der Privatsender ist in etwa das ZDF-Pendant auf der anderen Rheinseite. Bouygues ist gleichsam ein sehr enger Freund von Monsieur le Président: Er ist Trauzeuge und Pate des Sohnes Louis. Es sind diese illustren Freundschaften des Präsidenten, die dafür sorgen, dass seine Amtszeit mal von lauterem, mal von leiserem Getuschel um den einen oder anderen Interessenkonflikt begleitet wird.

Begünstigungen sind die eine Seite, die andere ist die der Benachteiligung: Unter Sarkozy hat Frankreich gleich acht Ränge auf der "Liste der Pressefreiheit" der Nichtregierungsorganisation "Reporter ohne Grenzen" verloren. Anlass dafür sind nicht nur Frivolitäten wie wegretouchierter Präsidenten-Bauchspeck, sondern auch der gefeuerte Chefredakteur eines großen Gesellschaftsmagazins und ein zur Kündigung gezwungener Starmoderator. Unter Umständen auch Nicolas Sarkozys sehr detaillierte Vorstellungen davon, wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen in seinem Land auszusehen habe.

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