Frankreich und der Krieg in Libyen Sarkozy und das Glück des Mutigen

Im Libyen-Einsatz bewies Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy Mut: Als erster Staat erkannte Frankreich die Regierung der Rebellen an und beharrte auf dem Sturz des Diktators. Was wie strategisches Handeln scheint, mag jedoch anfangs eher ein Bauchgefühl gewesen sein.

Von Stefan Ulrich, Paris

Im Verlauf dieses Jahres ist der Krieg auch zu einer persönlichen Angelegenheit geworden, zu einem Duell zweier Männer: Muammar al-Gaddafi beschimpfte Nicolas Sarkozy als "Hund". Der französische Präsident versicherte im Gegenzug Vertrauten, er werde Libyens Diktator "Staub fressen lassen". Sarkozy fühle sich in dem Krieg nicht nur als politischer, sondern auch als militärischer Anführer, erzählt sein Kampfgenosse, der Philosoph Bernard-Henri Lévy. In Paris heißt es, der Präsident habe sich wie ein Feldherr über Generalstabskarten gebeugt und mit der strategischen Situation in Tripolis vertraut gemacht.

2007 war Libyens gestürzter Despot Muammar al-Gaddafi noch bei Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy zu Besuch. Doch der Krieg in Libyen wurde auch zu einem Duell der zwei Männer.

(Foto: REUTERS)

Obwohl Gaddafi noch abgängig ist, steht Sarkozy nun als Sieger da. Politisch wie militärisch. Er könnte daher den Triumphator geben, einen Sarkozy Africanus, doch er tut das klugerweise bislang nicht. Er weiß aus den Erfahrungen aus Irak und Afghanistan, dass früher Jubel töricht ist. Eines aber stellt er klar: Frankreich will im Falle Libyens weiter der Staatengemeinschaft vorangehen. Zudem versicherte er jüngst auf dem Flugzeugträger Charles de Gaulle, sein Land werde sich "überall engagieren, wo die Freiheit der Völker und die Demokratie bedroht sind".

Sarkozy hat eine Weile gebraucht, um sich zu dieser klaren Haltung durchzuringen. Als Anfang des Jahres die Regime in Tunesien und Ägypten - alte Verbündete Frankreichs - wankten, hatte Paris die Zeichen der Zeit kaum erkannt. US-Präsident Barack Obama oder die Kanzlerin Angela Merkel stellten sich rascher auf die Seite der Aufständischen als das Menschenrechts-Mutterland Frankreich.

Im März sah der Präsident den Moment gekommen, die Versäumnisse wieder gutzumachen. Frankreich erkannte als erster Staat die Rebellenregierung an, vermittelte Resolution 1973 des UN-Sicherheitsrats zu Libyen und trieb mit Großbritannien die Nato-Staaten zum Angriff. Das Risiko war enorm. Niemand wusste, ob der Westen in Libyen ohne Bodentruppen und mit einer chaotischen Rebellenallianz Erfolg haben könnte.

Dennoch war die Zustimmung für Sarkozys Libyen-Politik in Frankreich groß, auch auf Seiten der oppositionellen Linken. Das Argument, man dürfe in Bengasi nicht - wie in Srebrenica oder in Ruanda - tatenlos einem Völkermord zusehen, überzeugte viele Franzosen. Die größten Zweifel schien es noch auf Seiten des Militärs zu geben, das sich mit zunehmender Kriegsdauer fragte, wie die Armee einen so langen, heftigen Einsatz bestehen würde. Je mehr der Kampf der Rebellen gegen Gaddafi im Sommer zu versanden drohte, desto lauter wurden in Frankreich skeptische Stimmen. Manche schimpften Sarkozy einen Rambo.

Sarkozy bewies Standvermögen

Die Abgeordneten aber blieben beeindruckend einmütig und stimmten Mitte Juli mit 482 gegen 27 Stimmen der Verlängerung des Militäreinsatzes zu; und der oft als unstet gescholtene Präsident bewies Standvermögen. Er lehnte Kompromisse mit Gaddafi ab, beharrte auf dem Sturz des Diktators, lieferte den Rebellen heimlich Waffen und Beistand durch Militärberater. Zugleich bombardierten französische Kampfjets und Helikopter unaufhörlich Gaddafis Truppen. Die großen Zweifel der Völkerrechtler, ob das alles noch von der Libyen-Resolution des Sicherheitsrats gedeckt sei, plagten Sarkozy kaum.

Der Präsident hatte das Glück des Mutigen, konnte ein Blutbad in Bengasi abwenden und maßgeblich helfen, eine bizarre Despotie zu stürzen. Sarkozys Entscheidung zum Einsatz, die im März womöglich eher einem Bauchgefühl und dem Bedürfnis nach großer Geste entsprang, mag heute wie weitblickendes strategisches Handeln erscheinen. Das Duell mit Gaddafi hat Sarkozy jedenfalls gewonnen. Das Ringen mit Angela Merkel, Guido Westerwelle und anderen über die richtige Haltung im Libyenkonflikt vorerst auch.