Frankreich Spur nach Ankara

Tausende Kurden kamen, als die drei ermordeten Aktivistinnen in Diyarbakir zu Grabe getragen wurden.

(Foto: Bulent Kilic/AFP)

War der Mord an drei PKK-Aktivistinnen 2013 in Paris ein Auftrag des türkischen Geheimdientes? Ein Prozess sollte Licht in den Fall bringen. Nun ist der Angeklagte tot.

Von Tim Neshitov, Hamburg

Dieser Prozess hätte es in sich gehabt. Ein türkischer Nationalist tötet im Januar 2013 mitten in Paris drei kurdische Frauen, darunter ein Gründungsmitglied der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Der Mann wird gefasst, und die Ermittler finden schnell heraus, dass er enge Verbindungen zum türkischen Geheimdienst MIT hatte.

Lässt da etwa der Geheimdienst eines Nato-Partnerlandes in der französischen Hauptstadt morden? Es gibt viele Fragezeichen in diesem Fall.

Welche Rolle, wenn überhaupt eine, haben die Beamten in Ankara gespielt? Wer hat was gewusst? Warum mussten die drei Kurdinnen Sakine Cansız, 54, Fidan Doğan, 28, und Leyla Saylemez, 24, sterben, durch jeweils mehrere Kopf- und Bauchschüsse, in einer Zeit, als die Friedensverhandlungen mit der PKK doch gerade in Gang gekommen waren? Das alles hätte der in knapp einem Monat beginnende Prozess vor einem Pariser Schwurgericht feststellen sollen. Geplant war ein Verhandlungsmarathon: Vom 23. Januar bis zum 10. Februar sollte jeden Tag verhandelt werden, damit wirklich alle Zeugen zu Wort kommen.

Nun wird nichts daraus. Der 34 Jahre alte Angeklagte Ömer Güney starb am vergangenen Samstag im Gefängnis an einem Hirntumor. Der Prozess gegen ihn wird im Januar zwar pro forma eröffnet, aber nur "um das Erlöschen der öffentlichen Anklage zu konstatieren", wie die Staatsanwaltschaft mitgeteilt hat.

Die französischen Richter müssen nun kein Urteil mehr fällen, das mit hoher Wahrscheinlichkeit eine diplomatische Krise zwischen Paris und Ankara ausgelöst hätte. Das Vertrauen zwischen dem türkischen Geheimdienst MIT und den französischen Kollegen ist allemal dahin. Das zeigten die Pariser Anschläge vom November 2015.

Mitten in die Trauerstimmung hinein behauptete damals ein türkischer Regierungsvertreter, die Türken hätten die Franzosen vor einem der Selbstmordattentäter im Konzertsaal Bataclan ausdrücklich gewarnt. Zwei Mal sogar, im Dezember 2014 und im Juni 2015. Doch die Franzosen hätten nichts unternommen. "Die türkische Regierung erwartet in Zukunft eine engere Zusammenarbeit von ihren Verbündeten", mahnte der Beamte an.

Die Reaktion des französischen Außenministers Laurent Fabius darauf fiel extrem diplomatisch und kühl aus: "Was Informationen angeht, sollten wir wirklich viel mehr austauschen und teilen," sagte er. Die französischen Verbündeten hätten bestimmt nichts gegen Unterstützung im Fall der ermordeten kurdischen Frauen. Aber der türkische Geheimdienst hat bereits im Januar 2014 offiziell erklärt, man habe mit diesen Morden gar nichts zu tun gehabt.

Um 12.56 Uhr am 9. Januar 2013 verlässt Ömer Güney den Tatort. Zurück bleiben drei Leichen

Am 9. Januar 2013 zeichnen Sicherheitskameras unweit des Pariser Nordbahnhofs auf, wie Ömer Güney, ein Mann mit Haselnussaugen und vollen Lippen, vor dem kurdischen Informationsbüro in der Rue La Fayette ankommt. Es ist 11.30 Uhr, an seiner Seite: Sakine Cansız, eine schmale, drahtige Frau mit roten Haaren, eine Legende des kurdischen Widerstandes. Beziehungsweise - aus der Sicht des türkischen Sicherheitsapparats und der türkischen Nationalisten - eine Topterroristin. PKK-Gründer Abdullah Öcalan attestierte dieser Frau in den Neunzigerjahren, sie sei mutiger als er selbst. Sakine Cansız verbrachte elf Jahre in türkischen Gefängnissen. In Frankreich bekam sie politisches Asyl - obwohl die Europäische Union die PKK als Terrororganisation einstuft.

Um 12.56 Uhr am 9. Januar 2013 verlässt Ömer Güney den Tatort. Im kurdischen Informationsbüro bleiben drei Leichen zurück. Die Frauen sind mit einer schallgedämpften Pistole niedergestreckt worden, Kaliber 7,65 Millimeter. Die Polizei findet später Schießpulverreste an Güneys Tasche, DNA-Spuren eines Opfers an seinem Parka. Güney streitet die Tat trotzdem ab.

Noch brisanter als die DNA-Spur ist die Erkenntnis, dass Güney kein Kämpfer für ein freies Kurdistan ist, sondern im Gegenteil ein türkischer Nationalist, der erstaunlich leicht das Pariser PKK-Milieu infiltrieren konnte. Er hat sich Sakine Cansız als Dolmetscher und Fahrer angedient, spricht perfekt Französisch, da er bereits im Alter von neun Jahren nach Frankreich kam. Zwischen 2003 und 2011 lebte er in Bayern, am Schliersee, bis seine Beziehung dort scheiterte, und verkehrte in türkisch-nationalistischen Kreisen. Auf Facebook hat er übrigens aus seiner Gesinnung keinen Hehl gemacht. Den ersten Verdacht aber schöpfen die Ermittler, als Güney bei seiner Verhaftung darauf besteht, dass die türkische Botschaft in Paris benachrichtigt werde. Auf eine solche Idee käme kein PKK-Sympathisant.

In einer Stellungnahme der Staatsanwaltschaft vom Juli 2015, einer Zwischenbilanz der Ermittlungen, heißt es: "Vieles lässt vermuten, dass der MIT in die Anstiftung zu den Morden und in deren Vorbereitung verwickelt war." Güney, der von 900 Euro Beihilfe im Monat lebte, fuhr im Jahr 2012 mindestens neun Mal in die Türkei, wo er zum Telefonieren offenbar drei unterschiedliche Mobilnummern benutzte. Von einem der Handys rief er immer nur eine einzige türkische Nummer an. Es handele sich bei seinen Kontakten in der Türkei um MIT-Agenten, schreibt die Staatsanwaltschaft, aber man könne noch nicht sagen, ob diese Beamten in offiziellem Auftrag gehandelt hätten oder hinter dem Rücken ihrer Vorgesetzten, etwa mit dem Ziel, die Friedensverhandlungen mit der PKK zu untergraben.

Im Netz kursieren Dokumente, die belegen sollen, dass der Auftrag vom türkischen MIT kam

Im Internet kursieren zwei Dokumente, die belegen sollen, dass Ömer Güney den Mordauftrag direkt vom MIT erhalten habe. Der Mitschnitt eines angeblichen Gesprächs zwischen Güney und zwei Agenten, bei dem der Kauf einer Pistole und die möglichen Fluchtwege besprochen werden. Und ein internes MIT-Schreiben, in dem die "Neutralisierung" von Sakine Cansız geplant wird. Als Kosten veranschlagt: 6000 Euro.

Die französischen Ermittler sind mehreren Tatmotiven nachgegangen: persönliche Fehde, Machtkampf innerhalb der PKK, ein Mord im Auftrag der Grauen Wölfe, also der türkischen Nationalisten. All diese Hypothesen sind verworfen worden.

Der türkische Machthaber Recep Tayyip Erdoğan hat bereits behauptet, für den Mord sei sein schärfster Widersacher, der in den USA lebende Prediger Fethullah Gülen, verantwortlich.

Ömer Güney soll einen Fluchtversuch aus dem Gefängnis unternommen haben. Im vergangenen Sommer beantragte er vorübergehende Freilassung, um seinen Hirntumor behandeln zu lassen. Seine zwei Schwestern seien Ärztinnen in der Türkei, argumentierte er. Der Antrag wurde abgelehnt.