Der Allgemeinarzt Hermann Neuffer über die Pillengläubigkeit der Franzosen und die Vorteile des Hausarzt-Modells.
Der gebürtige Schwabe Hermann Neuffer lebt und arbeitet seit 1993 als Arzt in Frankreich. Nachdem er zwei Jahre lang in einem Krankenhaus gearbeitet hatte, ließ er sich 1995 als Allgemeinarzt in Bordeaux nieder. Heute betreibt er mit zwei Kollegen dort eine Praxisgemeinschaft.
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sueddeutsche.de: Was war ihr erster Eindruck vom französischen Gesundheitswesen?
Neuffer: Zu Beginn meiner Laufbahn arbeitete ich unter anderem bei einer Allgemeinärztin auf dem Land. Die hatte ein Stethoskop, zwei Spritzen und einen Untersuchungstisch. Mehr nicht. Ganz anders als in Deutschland, wo jeder Arzt mindestens drei Sprechstundenhilfen beschäftigt.
sueddeutsche.de: Verdienen die französischen Ärzte so schlecht, dass sie sich nicht mehr leisten können?
Neuffer: Wir verdienen hier tatsächlich weniger als die deutschen Kollegen. Aber es reicht. Generell sind die niedergelassenen Ärzte in Frankreich ganz anders organisiert: Wir Allgemeinärzte haben praktisch keine größeren Geräte für die Diagnostik.
Wir machen keine Röntgenbilder, nehmen kein Blut ab. Dafür gibt es die jeweiligen Spezialisten, zu denen ich meine Patienten dann überweise. Diese Spezialisierung macht das Gesundheitswesen in Frankreich meiner Meinung nach effizienter als das deutsche. Ich habe kein finanzielles Interesse daran, meinen Patienten besonders viele Zusatz-Untersuchungen zu verschreiben.
In Deutschland ist der wirtschaftliche Druck auf die Ärzte dagegen viel größer. Als ich meine Praxis eröffnete, musste ich keinen Kredit über viele Hunderttausend Euro aufnehmen.
sueddeutsche.de: Wie und von wem bekommen Sie Ihr Geld?
Neuffer: Es gibt nichts einfacheres als das Abrechungswesen für französische Allgemeinärzte: Jeder Patient zahlt für einen Besuch bei mir 20 Euro. Egal, was ich mache. Natürlich gibt es für schwere Notfälle Sonderregelungen. Und bei Sozialhilfeempfängern oder chronisch Kranken rechne ich direkt mit der Krankenkasse ab. Aber im Prinzip gilt: 20 Euro pro Besuch.
sueddeutsche.de: Und die zahlt der Patient in bar?
Neuffer: Genau. Anfangs hat mich das regelrecht schockiert. Es war für mich völlig ungewohnt, von meinem Patienten Geld zu verlangen. Mittlerweile finde ich das System unheimlich gut: Da der Patient direkt an mich zahlen muss, hat er auch einen direkten Anspruch auf eine gute Behandlung. Ein sehr viel engerer Kontakt als in Deutschland, wo die Abrechnung in der Regel ja völlig am Patienten vorbei geschieht.
sueddeutsche.de: Gegen den hohen Eigenanteil versichern sich viele Franzosen mit Zusatzpolicen. Das können sich aber nicht alle leisten.
Neuffer: Ich arbeite hier in Bordeaux in einem Arbeiter-Viertel. Viele meiner Patienten kommen finanziell gerade so über die Runden. Für eine Zusatzversicherung ist da oft nichts mehr übrig. Diese Menschen mussten dann tatsächlich am Arztbesuch sparen.
Allerdings hat die Regierung vor kurzer Zeit eine Extra-Versicherung für solche Fälle gegründet: die couverture maladie universelle. Unterhalb eines bestimmten Einkommens sind die Menschen dann ohne Selbstbeteiligung krankenversichert. Die Folge: Nun kommen diese Menschen sehr viel öfter zum Arzt.
Zum einen haben sie natürlich einen Nachholbedarf an medizinischer Behandlung. Zum anderen fehlt ihnen aber auch das Kostenbewusstsein. Ein zweischneidiges Schwert.
sueddeutsche.de: Trotz der Selbstbeteiligung, gerade bei den Medikamenten, gehören die Franzosen zur Weltspitze beim Medikamenten-Verbrauch. Wieso?
Hermann Neuffer: Die Franzosen lieben ihre Arzneien. Je länger die Liste auf dem Rezept, desto besser. Der Trend, beispielsweise Antibiotika zurückhaltender zu verschreiben, etabliert sich hier erst langsam. Vor einigen Jahren haben mich meine Patienten ganz schief angesehen, wenn ich Ihnen für einen Schnupfen kein Antibiotikum aufgeschrieben hatte.
sueddeutsche.de: Welche Elemente des französischen Gesundheitswesens sollte man auf Deutschland übertragen?
Neuffer: Wovon man in Deutschland lernen könnte, ist die Trennung zwischen Allgemein- und Facharzt und das Abrechungswesen. Ich empfinde dieses System als sehr angenehmen: Wenn ich mich mit den Patienten beschäftige, mache ich Medizin und sonst nichts. Keine Abrechnung nebenher, keine Bürokratie. In Deutschland dagegen ist ein riesiger Bürokratismus am Werk. Wenn ich von deutschen Kollegen höre, welche Fesseln die an den Beinen haben - eine Katastrophe.
(sueddeutsche.de)
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