Europa braucht starke Figuren, weil sonst eine Kakophonie der Einzelinteressen jeden Fortschritt hemmt. Deshalb braucht die EU auch einen starken Präsidenten in Paris - solange dieser nicht nur nationale Interessen vertritt.
Um den großen Franzosen zu beschreiben, bemüht der Dichter die Gewalten von Himmel und Erde. Der Mann sei "ein Naturereignis", schreibt der Poet. Und vergleicht ihn mit der Wucht eines Gewitters oder gar eines Erdbebens.
Bild vergrößern
Ein Mann wie ein Erdbeben: Die ersten Auftritte Sarkozys auf europäischer Bühne waren wuchtig. (© Foto: Reuters)
Anzeige
Es war Christian Morgenstern, der mit diesen Worten Napoleon charakterisierte. An seine Zeilen fühlt sich unwillkürlich erinnert, wer die ersten Auftritte von Nicolas Sarkozy auf der europäischen Bühne beobachtet. Seht her, hier bin ich, ruft Frankreichs neuer Präsident. So laut, dass es niemand überhören kann, selbst wenn er sich die Ohren zuhält.
Sarkozy weiß genau, dass er an ein Tabu rührt, wenn er die Europäische Zentralbank angreift. Die Unabhängigkeit der EZB war damals für die Deutschen die Voraussetzung, um ihre Mark aufzugeben. Monsieur le président setzt sich darüber hinweg, als sei ihm die Vergangenheit herzlich egal. Diese Chuzpe gehört zu seiner Strategie, absolute Aufmerksamkeit der anderen Staaten einzufordern.
Seit Jahren bangen die Franzosen, sie könnten durch die EU-Erweiterung ihren traditionellen Einfluss in Brüssel verlieren. Durch das Veto gegen die Verfassung manövrierte sich der Gründerstaat sogar an den Rand der Union. Jetzt will Sarkozy alle europapolitischen Depressionen seiner Landsleute beenden - mit einem Knall.
Die anderen Regierungen haben grundsätzlich nichts einzuwenden, wenn Paris in Brüssel endlich wieder mit einer starken Stimme spricht. Im Gegenteil: In der Union der 27 gibt es sogar ein besonderes Bedürfnis nach Führung. Alle Spekulationen, das deutsch-französische Spitzentandem früherer Jahre habe wegen der Erweiterung ausgedient, waren verfrüht.
Das hat die EU-Regentschaft von Angela Merkel gezeigt, die von anderen Regierungen förmlich gedrängt wurde, Probleme endlich anzupacken.
Europa braucht starke Figuren, weil sonst eine Kakophonie der Einzelinteressen jeden Fortschritt hemmt. Anders gesagt: Weil sonst Gestalten wie die unberechenbaren Zwillinge aus Polen den Kurs bestimmen. Daran hat kein Land Interesse, dem an einer funktionierenden Union liegt. Deshalb schlägt Sarkozy Sympathie entgegen: Er beendet die Agonie der letzten Chirac-Jahre.
Der Präsident hat seine unbändige Kraft schon positiv eingesetzt, als er bei der Einigung auf den EU-Reformvertrag half. Er scheint auch seine Hand für eine Lösung des politisch verursachten Führungsproblems zu reichen, das seit Jahren die Airbus-Mutter EADS quält. Doch was sollen die Ausfälle gegen Zentralbank und Stabilitätspakt?
Ein Agent nationaler Interessen verliert seine Gefolgschaft
Manche Regierungschefs rufen zur Gelassenheit auf: Sarkozys aggressive Anti-Euro-Töne seien harmlos, weil nur für das heimische Publikum bestimmt. Kaum irgendwo in Europa misstrauen so viele Menschen der Globalisierung wie in Frankreich.
Diese Ängste beruhigt Sarkozy, indem er das Bild vom starken Staat dagegensetzt, der die Globalisierung zähmt - und zu diesem Zweck internationale Organisationen wie EU und EZB zügelt. Die positive Lesart ist: Sarkozy schärft mit solchen rein rhetorischen Manövern sein soziales Profil, um die überfälligen Wirtschaftsreformen in seinem Land durchsetzen zu können.
Doch was, wenn er die linken Geister nicht mehr loswird, die er da beschwört? Für die anderen Regierungen ist die rote Linie auf jeden Fall dort überschritten, wo Sarkozy französische Probleme auf europäische Kosten lösen will. Beispiel Stabilitätspakt: Der aktuelle Konjunkturboom bietet die einzigartige Chance, Defizite zu senken, damit die EU-Länder nicht in der nächsten Krise in Schulden versinken.
Diese Vereinbarung darf Paris nicht brechen. Die anderen Regierungen sollten Sarkozy klarmachen, dass niemand Europa führen kann, der vom Rand aus agiert. Wer als reiner Agent nationaler Interessen enttarnt ist, verliert seine Gefolgschaft. Selbst wenn er mit der Wucht eines Erdbebens auftritt.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 10.7.2007)
zu untergangstheorie von CA-KE-KOE:
Die großen Firmen, kapitalisten und andere Okonomen werden sich davor hüten, den "durchschnitts-westlichen-weltler" verarmen zu lassen....irgendwer auf der welt muss von chinesischen-billigprodukten bis zum mittelklassewagen auch kaufen was produziert wird....eine geringe reiche oberschicht könnte nie diese Konsummengen aufbringen wir ein wohlhabender mittelstand....und die chinesischen bauern werden auch noch in 50 jahren "arm" sein, weil das geld in china woanders hinfließt (wie sollen die sich sonst solche Prunk-bauten leisten)
Außerdem "viele firmen gehören uns deutschen nicht mehr"....nun ja klar, wir leben mitten in der Globalisierung mit großkapitalisten überall auf der welt....staatliche firmen gibt es nicht mehr! das eigentliche problem is doch das wir deutschen angst haben unseren wohlstand zu verlieren weil wir Chinesen und Indern "hilflos" ausgesetzt sind....
dazu möcht ich soviel sagen: ich bin froh das ich keine schuhe nähen muss, schuhe kann weiterhin china produzieren, solang wir die nähmaschine bauen!
wenn china uns vom markt verdrängen würde, würde europa und die westliche welt schon entgegensteuern....wir sind weder hilflos noch müde, was soll da passieren?
Hätten die Polen eine andere Meinung als Europa gehabt, wären die Polen vor allem von den größten Europäer aller Zeiten (GröEuraZ) wegen Kartoffelintelligenz mit Füssen getreten und durch Dreck gezogen. Da die französischen Vorschläge die EU-Grundlagen in Frage stellen, erwarte ich hier entsprechende Reaktion und Kommentare.
Darauf:
Deutschland existiert in weiten Teilen nur noch auf dem Papier: der sogenannte Aufschwung stärkt die Kaufkraft im Inneren daher nur bedingt. Die breite Bevölkerung bekommt den Aufschwung kaum zu spüren.
Die öffentliche Hand investiert zwar inzwischen mehr als in den zurückliegenden Jahren.
Insgesamt bewegt sich jedoch der Grad der Gesamtverschuldung der öffentlichen Hand nach wie vor auf höchstem Niveau. Und der bremst die staatlichen Investitionen.
Die meisten Firmen, auf die es ankommt, gehören Deutschen nicht mehr. Das Märchen vom Weltexportmeister geistert dagegen immer noch umher.
Deutschland fehlen die ECHT-ELITEN. In Schlüsselbereichen der Forschung ist Deutschland weit abgeschlagen. r.kendel
Die Deutschen sind ohne ihre Weltuntergangsszenarien einfach nicht glücklich. In den Achtzigern war es die globale Umweltzerstörung- Szenarien einer schon in zwanzig Jahren (also heute) nicht mehr bewohnbaren Welt wurden an die Wand gemalt. Dann kam die Arbeitslosigkeit und man stellte sich vor, dass diese irgendwann 10 Millionen betragen würde und Deutschland in bürgerkriegsähnliche Zustände versetzen würde. Tja, und da auch diese leider rückläufig ist und die Wirtschaft sogar wieder wächst, sind es nun die Investmentgesellschaften, die wie als Heuschrecken alles rücksichtslos aussaugen und eine karge Wüste hinterlassen. Fiese Kapitalisten mit 100 Milliarden $ Gehalt p.a. auf der einen, die am Hungertuch nagenden Horden ehrlich arbeitender, aber vom System betrogenen Menschen auf der anderen Seite.
Wenn es wirklich so weit kommt, geb ich einen Kasten Bier aus. (Vorausgesetzt, ich kann ihn mir dann noch leisten)
Fortsetzung:
Sarkozy dient diesen Märkten und Mächten (sie schoben ihn nach oben). Er kann nicht pauken und nicht trumpfen. Er muss dienen. Die Befürchtungen vieler Franzosen bestehen zurecht: Frankreich ist längst ausgeliefert, wobei der Feind nicht Großbritannien oder Deutschland heisst, sondern ganz einfach und schlicht extreme Kapitalanhäufung, unkontrollierte und unkontrollierbare Märkte.
Sie sind die modernen Heuschrecken, die alles kahl fressen werden. Ihre egoistischen Interessen sind uferlos: ihre Wünsche und Begierden nicht stillbar.
Sie sind das eigentliche terroristische, weil das Gemeinwohl zerfetzende Potential.
Islamische Terroristen sind dagegen nichts.
Der Anti-Terrorkampf aus den Hauptstädten des Westen ist deswegen eine regelrechte Farce. Es kämpfen faktisch Terroristen gegen Terroristen.
Und was will überhaupt Sarkozy gegen eine globale Bedrohung setzen? Al Gore propagiert die Gefahr des Untergangs der Menschheit. Aber sie ist die Folge eines wuchernden, entfesselten Großkapitals, welches über vier, fünf Jahrzehnte hinweg kaum eine Rücksicht auf das Gemeinwohl (Menschheitswohl) genommen hat.
Sarkozy so betrachtet nur ein Glied in der Kette der Selbstzerstörung der Menschheit.
Welche anderen Absichten kann er hegen? Keine realistischen.
Der starke Staat ist eine Fata Morgana. Man müsste in die Metaphysikebene eindringen, um Argumente und Lösungen zu finden.
richard kendel 8 1 5 4 5 Mü.
Paging