Ein Kommentar von Alexander Hagelüken

Europa braucht starke Figuren, weil sonst eine Kakophonie der Einzelinteressen jeden Fortschritt hemmt. Deshalb braucht die EU auch einen starken Präsidenten in Paris - solange dieser nicht nur nationale Interessen vertritt.

Um den großen Franzosen zu beschreiben, bemüht der Dichter die Gewalten von Himmel und Erde. Der Mann sei "ein Naturereignis", schreibt der Poet. Und vergleicht ihn mit der Wucht eines Gewitters oder gar eines Erdbebens.

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Ein Mann wie ein Erdbeben: Die ersten Auftritte Sarkozys auf europäischer Bühne waren wuchtig. (© Foto: Reuters)

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Es war Christian Morgenstern, der mit diesen Worten Napoleon charakterisierte. An seine Zeilen fühlt sich unwillkürlich erinnert, wer die ersten Auftritte von Nicolas Sarkozy auf der europäischen Bühne beobachtet. Seht her, hier bin ich, ruft Frankreichs neuer Präsident. So laut, dass es niemand überhören kann, selbst wenn er sich die Ohren zuhält.

Sarkozy weiß genau, dass er an ein Tabu rührt, wenn er die Europäische Zentralbank angreift. Die Unabhängigkeit der EZB war damals für die Deutschen die Voraussetzung, um ihre Mark aufzugeben. Monsieur le président setzt sich darüber hinweg, als sei ihm die Vergangenheit herzlich egal. Diese Chuzpe gehört zu seiner Strategie, absolute Aufmerksamkeit der anderen Staaten einzufordern.

Seit Jahren bangen die Franzosen, sie könnten durch die EU-Erweiterung ihren traditionellen Einfluss in Brüssel verlieren. Durch das Veto gegen die Verfassung manövrierte sich der Gründerstaat sogar an den Rand der Union. Jetzt will Sarkozy alle europapolitischen Depressionen seiner Landsleute beenden - mit einem Knall.

Die anderen Regierungen haben grundsätzlich nichts einzuwenden, wenn Paris in Brüssel endlich wieder mit einer starken Stimme spricht. Im Gegenteil: In der Union der 27 gibt es sogar ein besonderes Bedürfnis nach Führung. Alle Spekulationen, das deutsch-französische Spitzentandem früherer Jahre habe wegen der Erweiterung ausgedient, waren verfrüht.

Das hat die EU-Regentschaft von Angela Merkel gezeigt, die von anderen Regierungen förmlich gedrängt wurde, Probleme endlich anzupacken.

Europa braucht starke Figuren, weil sonst eine Kakophonie der Einzelinteressen jeden Fortschritt hemmt. Anders gesagt: Weil sonst Gestalten wie die unberechenbaren Zwillinge aus Polen den Kurs bestimmen. Daran hat kein Land Interesse, dem an einer funktionierenden Union liegt. Deshalb schlägt Sarkozy Sympathie entgegen: Er beendet die Agonie der letzten Chirac-Jahre.

Der Präsident hat seine unbändige Kraft schon positiv eingesetzt, als er bei der Einigung auf den EU-Reformvertrag half. Er scheint auch seine Hand für eine Lösung des politisch verursachten Führungsproblems zu reichen, das seit Jahren die Airbus-Mutter EADS quält. Doch was sollen die Ausfälle gegen Zentralbank und Stabilitätspakt?

Ein Agent nationaler Interessen verliert seine Gefolgschaft

Manche Regierungschefs rufen zur Gelassenheit auf: Sarkozys aggressive Anti-Euro-Töne seien harmlos, weil nur für das heimische Publikum bestimmt. Kaum irgendwo in Europa misstrauen so viele Menschen der Globalisierung wie in Frankreich.

Diese Ängste beruhigt Sarkozy, indem er das Bild vom starken Staat dagegensetzt, der die Globalisierung zähmt - und zu diesem Zweck internationale Organisationen wie EU und EZB zügelt. Die positive Lesart ist: Sarkozy schärft mit solchen rein rhetorischen Manövern sein soziales Profil, um die überfälligen Wirtschaftsreformen in seinem Land durchsetzen zu können.

Doch was, wenn er die linken Geister nicht mehr loswird, die er da beschwört? Für die anderen Regierungen ist die rote Linie auf jeden Fall dort überschritten, wo Sarkozy französische Probleme auf europäische Kosten lösen will. Beispiel Stabilitätspakt: Der aktuelle Konjunkturboom bietet die einzigartige Chance, Defizite zu senken, damit die EU-Länder nicht in der nächsten Krise in Schulden versinken.

Diese Vereinbarung darf Paris nicht brechen. Die anderen Regierungen sollten Sarkozy klarmachen, dass niemand Europa führen kann, der vom Rand aus agiert. Wer als reiner Agent nationaler Interessen enttarnt ist, verliert seine Gefolgschaft. Selbst wenn er mit der Wucht eines Erdbebens auftritt.

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(SZ vom 10.7.2007)