Von Johannes Willms

Frankreich erlebt derzeit eine stille, aber dennoch epochale Veränderung. Die Intellektuellen sind verstummt. Statt Sarkozy zu kritisieren, schlagen sie sich lieber auf seine Seite.

Wer sich in diesen verregneten Julitagen in Paris in einen vertrauten Hafen flüchten wollte, den erwartete eine furchtbare Überraschung: Das Café de Flore, der weltbekannte ,,bureau d'esprit'' französischer Literaten und Intellektueller, war verriegelt und verrammelt. Schlimmer noch: Hinter den großen Glasscheiben gewahrte man das Chaos der Zerstörung. Umgestürzte Tische und Stühle, herausgerissene Sitzbänke und Estraden. Lediglich die Spiegel entlang der Wände kündeten noch von der einstigen Gastlichkeit.

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Der schier allmächtige Präsident: Nicolas Sarkozy. (© Foto: dpa)

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Das Flore war nie nur ein beliebiges Café, ein Typus, der in Paris sowieso kaum anzutreffen ist, sondern eine Weltanschauung. Die lag nun in Trümmern. Jäh überfiel einen der Verdacht, dass diese sich nie wieder zur vertrauten Konfession formen lassen würde, auch wenn ein Schild am Eingang verriet, dass es sich lediglich um Renovierungsarbeiten handele.

Bewunderung, von vielen geteilt

Die Renovierung, der das alte Flore unweigerlich zum Opfer fällt, ist in seiner Zufälligkeit ein Vorgang von unübersehbar symbolischer Bedeutung: Frankreich erlebt derzeit eine stille, aber dennoch epochale Veränderung. Die politisch-geistige Ordnung des Landes, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gekennzeichnet war durch die stabilisierende Konkurrenz der beiden großen Strömungen, die das Bewusstsein des Landes fassonierten, der gaullistischen wie der der Linken, der Kommunisten und Sozialisten, ist still dahingeschwunden. Mehr und mehr beginnt die Einsicht zu dämmern, dass die zehn Jahre der Präsidentschaft von Jacques Chirac diese längst angezählte Ordnung nur über ihr Verfallsdatum hinaus zu konservieren suchten.

Allein deshalb signalisiert die Wahl von Nicolas Sarkozy zum schier allmächtigen Präsidenten der V. Republik einen Anfang, dem, wie bekannt, ein unwiderstehlicher Zauber innewohnt. Das ist zumindest der Eindruck, den der neue Amts- und Machthaber bislang erfolgreich zu nähren vermochte.

Das Feuerwerk an Einfällen, Anregungen, Initiativen, unorthodoxen Personalentscheidungen, überraschenden Reisen und Auftritten, das Sarkozy seit seinem Amtsantritt abbrennt und damit den Eindruck erweckt, er sei stets und überall präsent, ist nichts weniger als atemberaubend. Als ,,coup d'éclat permanent'' hat dies sein Gegenspieler, der Generalsekretär der französischen Sozialisten, François Hollande, unlängst kritisiert - ein Bonmot, mit dem er den Titel des bekannten Pamphlets von François Mitterrand aus dem Jahr 1964 ,,Le coup d'état permanent'' persiflierte.

In der Kritik Hollandes an dem Wirbel, den Sarkozy entfaltet, schwingt unüberhörbar aber auch Bewunderung mit, die von vielen geteilt wird. Man sieht das Spektakel, staunt und versinkt umso mehr in sprachloser Verblüffung, als auch die Medien, die sogenannte kritische Öffentlichkeit, sich bislang im Wesentlichen darauf beschränken, diese Verblüffung mit blumigen Wortgirlanden zu schmücken. Den Vogel solcher Hofberichterstattung schoss das Magazin Le Point ab, das in einer ,,Super-Sarko'' überschriebenen Titelgeschichte als so gut wie einzige ,,harte'' Information mitzuteilen wusste, dass der Präsident auf seinem Schreibtisch im Elysée griffbereit einen dicken Band mit Fabeln liegen habe.

Die andere, große Deutungsmacht in Frankreich, die Intellektuellen, hüllen sich hingegen in tiefes Schweigen. Dieses Verstummen gibt schon seit geraumer Weile Rätsel auf, zumal auch während des Präsidentschaftswahlkampfs kaum etwas von ihnen zu vernehmen war. Geräusch machte allenfalls, dass einer der ehemals ,,jungen Philosophen'', André Glucksmann, im Januar lauthals verkündete, ins konservative Lager von Sarkozy zu wechseln. Glucksmann, der hierzulande neben Alain Finkielkraut und Bernard-Henry Lévy als eine der tragenden Säulen des Linksintellektualismus gilt, provozierte damit aber nur sehr gedämpfte Reaktionen.

Das überraschte, wie sich jetzt zeigt, deshalb umso weniger, als auch andere sich mit der Absicht dieses Seitenwechsels trugen und beispielsweise zwischen ihrem Engagement für die Menschenrechte und ihrem Überlaufen zur konservativen Fahne des Nicolas Sarkozy keinerlei Widerspruch erkannten. Der Einsatz für die Menschenrechte endet eben da, so könnte man daraus zynisch folgern, wo der Pragmatismus beginnt, der durch die eigenen Interessen bestimmt wird. Bernard Kouchner und Jacques Lang, der eine Außenminister, der andere Vizepräsident der Kommission für eine Reform der staatlichen Institutionen, sind lediglich die beiden bekanntesten Beispiele für diesen Wechsel von Links nach Rechts.

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