Frankreich Anschlag auf Satiremagazin nach Scharia-Sonderheft

"Alles ist zerstört": Unbekannte haben einen Anschlag auf das Pariser Büro der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" verübt. Eine Reaktion auf ein provokantes Heft? Anlässlich des Wahlsiegs der Islamisten in Tunesien hatte das Blatt ein Scharia-Sonderheft herausgegeben - als Chefredakteur wurde Mohammed benannt.

Unbekannte haben Molotowcocktails in das Büro der Redaktion des französischen Satire-Wochenblattes Charlie Hebdo in Paris geworfen - die Redaktionsräume brannten daraufhin völlig aus. Möglicherweise ist der Anschlag eine Reaktion auf ein Sonderheft, das das Satiremagazin an diesem Mittwoch herausbrachte. Anlässlich des Wahlerfolgs der Islamisten in Tunesien hatte es sich in "Scharia Hebdo" ("Charia Hebdo") umbenannt. Als Chefredakteur war "Mohammed" genannt worden.

Auf dem Titelblatt war eine Zeichnung des Propheten Mohammed zu sehen, die mit einer Sprechblase versehen war. Darin zu lesen: "100 Stockschläge, wenn Sie sich nicht totlachen." Auf der Rückseite war eine weitere Zeichnung abgebildet, die Mohammed mit einer roten Clownsnase zeigte. Die Bildunterschrift lautete: "Der Islam ist mit dem Humor vereinbar."

Innenminister Claude Guéant sprach bei einem Besuch in der Redaktion von einem gezielten Anschlag, bei dem auch die islamistische Spur verfolgt werde. Regierungschef François Fillon forderte, die Tat schnell aufzuklären und die Täter vor Gericht zu bringen. "Jede Verletzung der Pressefreiheit muss mit größter Entschiedenheit verurteilt werden", erklärte der Premierminister. Auch der Vorsitzende des muslimischen Dachverbandes CFCM, Mohammed Moussaoui, verurteilte die Brandstiftung. Die Titelseite des Blattes sei am Mittwoch weniger "gewaltsam" ausgefallen, als die 2006 veröffentlichten Karikaturen.

Der Chefredakteur des Wochenblatts, der nur unter seinem Künstlernamen Charb bekannt ist, sprach im Fernsehsender BFM-TV von Droh-E-Mails, die die Redaktion erhalten habe. Zugleich betonte er aber, dass niemand das Scharia-Sonderheft vor dem Brandanschlag gelesen haben konnte, da es erst Stunden später an die Kioske kam. Lediglich die Titelseite war online zuvor im Internet sichtbar. Vorwürfe, dass er mit dem Heft nur provozieren wolle, wies er zurück. Charb sagte, das Magazin mache lediglich "seinen Job".

Nach seinen Angaben wurde angesichts der frühen Stunde des Attentats gegen 2 Uhr morgens niemand verletzt. Doch sei durch Hitze und Löschwasser ein beträchtlicher Schaden am Computersystem entstanden. "Alles ist zerstört", sagte der Kolumnist Patrick Pelloux. Der Hauptrechner sei vollständig ausgebrannt, alles sei voller Ruß, die elektrischen Anlagen seien vollständig zusammengebrochen.

Auch auf die Website gebe es zurzeit keinen Zugriff mehr. Die Internetseite der Satirezeitschrift sei zeitweise gehackt worden, wie Le Monde berichtet. Demnach fand sich auf der Seite eine Botschaft in englischer und türkischer Sprache, die die Verwendung des Bildes des Propheten Mohammed verurteilte.

Für die nächste Ausgabe der Zeitschrift müsse man in Ersatzräumen ausweichen, sagte der Chefredakteur. "Unter diesen Umständen lässt sich keine Zeitung mehr produzieren." Nach TV-Angaben nahm die Redaktion ein Angebot der Zeitung Libération an, um in deren Gebäude die nächste Ausgabe zu erstellen.

Nach ersten Erkenntnissen hatten die Unbekannten ein Fenster zertrümmert und einen Brandsatz in die im Parterre gelegenen Redaktionsräume geworfen. Die Polizei hat Ermittlungen aufgenommen.

Nicht zum ersten Mal hat das Magazin umstrittene Mohammed-Karikaturen veröffentlicht, wie sie im Islam verboten sind. 2007 wies ein Pariser Gericht die Klage zweier Muslime ab, die die Satirezeitschrift zur Verantwortung ziehen wollten, weil sie die umstrittenen Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung Jyllands Posten nachgedruckt hatte. Diese hatten weltweite Proteste von Muslimen ausgelöst.