Ein Interview von Thorsten Denkler

Seyran Ates, türkischstämmige Juristin und Frauenrechtlerin, behauptet: Gewalt ist im Islam akzeptiert. Die Muslime lebten zwar in Deutschland, aber in einer parallelen Gesellschaft - die von der Politik noch befördert würde.

Seyran Ates hat lange als Anwältin in Berlin die Rechte muslimischer Frauen vor Gericht verteidigt. Im vergangenen Jahr gab sie ihre Anwaltszulassung nach Morddrohungen gegen sie zurück. Im Jahr 2003 ist ihr Buch "Große Reise ins Feuer - Die Geschichte einer deutschen Türkin" erschienen.

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sueddeutsche.de: Frau Ates, eine deutsche Richterin hat einer Marokkanerin die vorzeitige Scheidung verweigert mit dem Hinweis, Gewalt sei Teil der islamischen Kultur. Unabhängig davon, dass sie den Koran über das Grundgesetz gestellt hat: Gibt es eine andere Gewaltkultur im Islam?

Seyran Ates: Das kann man ganz definitiv mit einem Ja beantworten. Gewalt als Züchtigungsmittel gegenüber Kindern und Frauen hat im muslimischen Milieu eine viel höhere Anerkennung als in der deutschen Gesellschaft.

sueddeutsche.de: Woran liegt das?

Ates: Wir leben in zwei verschiedenen Gesellschaften. Auf der einen Seite die europäische, aufgeklärte, deutsche Gesellschaft. Zwangsheirat, sexuelle Aufklärung, Selbstbestimmung, das sind alles Themen, die in dieser Gesellschaft abgearbeitet wurden. Diese Entwicklung fehlt in der islamischen Gesellschaft.

sueddeutsche.de: Die meisten Muslime leben seit Jahren in Deutschland. Wie kann es sein, dass so viele von der Aufklärung völlig unbeeindruckt sind?

Ates: Wir müssen erst mal akzeptieren, dass es ein muslimische Parallelgesellschaft in Deutschland gibt. Das haben viele noch nicht begriffen. Ich sage einfach: Die Richterin hat Recht! Natürlich war ich auch erst erschrocken. Ich dachte erst, das ist doch menschenverachtend, zu sagen, du musst länger mit deinem gewalttätigen Mann zusammen bleiben, weil das Teil deiner Kultur ist.

sueddeutsche.de: Und dann?

Ates: Dann dachte ich: Im Grunde genommen hat sie nur das ausgesprochen, was in Deutschland längst Normalität ist, nämlich mit zweierlei Maß zu messen. Wie haben in vielen Lebensbereichen doppelte Standards. In der Schule können sich muslimische Mädchen vom Sport- und Schwimmunterricht, von Klassenfahrten befreien lassen. Polygamie unter Muslimen wird geduldet. Ehrenmord wird vor Gericht als Totschlag behandelt. Es ist haarsträubend, wenn jetzt Politiker sagen, solche Richtersprüche führten in ein Parallelgesellschaft. Wir sind doch längst mitten drin.

sueddeutsche.de: Welche Wirkung wird der Skandal auf die Muslime haben?

Ates: Die Verbände werden jetzt erklären müssen, ob der Vers 4,34 im Koran, in dem vom Züchtigungsrecht des Mannes gegenüber der Frau gesprochen wird, ob dieser Vers in der letzten Konsequenz bedeutet, die Frau darf geschlagen werden. Da werden viele muslimische Menschen sagen, das ist absurd, natürlich erlaubt der Koran das nicht. Die Fundamentalisten dürften das anders sehen.

sueddeutsche.de: Würden sich die Muslime in Hamburg, Berlin und Köln von einer Distanzierung der Verbände beeindrucken lassen?

Ates: Im Gegenteil. Ehemänner meiner ehemaligen Mandaten haben sich immer wieder auf den Koran berufen. Die werden sich von der Richterin jetzt noch bestätigt fühlen.

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(sueddeutsche.de)