Deutschlands Praxisärzte haben ihre Liebe zum Igel entdeckt. Doch nicht der possierliche Winterschläfer ist damit gemeint. Igel steht für "Individuelle Gesundheitsleistungen".
Das Geschäft mit den Zusatzangeboten boomt. Eine Milliarde Euro beträgt Schätzungen zufolge der jährliche Umsatz; 2004 stieg er um 44 Prozent. Eine Umfrage unter 8000 Ärzten ergab, dass jeder Zweite glaubt, seine Praxis "ohne Igel auf Dauer nicht mehr wirtschaftlich betreiben zu können". Auf 30.000 bis 50.000 Euro jährlich werden die Igel-Einnahmen pro Praxis geschätzt, bis zu 100.000 Euro seien drin.
Anzeige
Die individuellen Gesundheitsleistungen werden von der gesetzlichen Kasse nicht erstattet. Patienten müssen sie selbst bezahlen. Dabei sind medizinische Angebote im Zeichen des Igel in vielen Fällen von fragwürdigem Nutzen, überflüssig oder sogar schädlich. Eine Untersuchung vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (Wido) und der Verbraucherzentrale NRW ergab, dass die häufigsten Angebote Ultraschall, Messungen des Augeninnendrucks, "ergänzende" Tests zur Krebsfrüherkennung, Bluttests, Bestimmungen der Knochendichte und kosmetische Leistungen sind.
Eine Preisbindung gibt es nicht. Ein Frauenarzt erhielt 550 Euro für eine nutzlose Behandlung, die Magnetresonanztherapie. Ein Mediziner verkaufte dubiose Schlankheitspillen für 455 Euro, andere kassierten mehrere hundert Euro für Mineral-, Vitamin- und andere obskure Aufbaulösungen.
Die Kassen bezahlen die Zusatzangebote nicht, weil ihr Nutzen meist nicht bewiesen ist. Ausnahmen sinnvoller medizinischer Zusatzleistungen sind Impfungen vor Fernreisen. Umstritten sind jedoch Untersuchungen wie der PSA-Test auf Prostatakrebs und andere Tumortests. Diese Art Vorsorge verlängert und verbessert das Leben der Betroffenen nicht, sondern verunsichert. Überflüssig sind viele Ultraschalluntersuchungen während der Schwangerschaft ("Babyfernsehen") oder des Bauchraums, ohne dass Beschwerden vorliegen.
"Es ist zu verurteilen, wenn Patienten verdummt und ausgenommen werden, sagt Hendrik Borucki, Gründer der Zeitschrift Igel-aktiv, die Verkaufstipps für die Praxis gibt. "Aber mehr Markt im Gesundheitswesen ist politisch gewollt." Zudem verlangten viele Patienten nach Prävention, und Ärzte würden zum "Gesundheitsberater".
Das Medizinerblatt Ärztliche Praxis stellt diese Woche fest: "Für immer mehr Ärzte wird das aktive Vermarkten zusätzlicher Angebote ein wichtiger Bestandteil des Praxisalltags."
Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe hat vergangenes Jahr bereits kritisiert, dass immer häufiger "Kommerz statt Mildtätigkeit" die Beziehung zwischen Arzt und Patient bestimme. "Wie soll der Arzt objektiv informieren und beraten, wenn er gleichzeitig verkaufen möchte?", fragen auch die Autoren der Wido-Igel-Analyse. "Der Patient wird zum Kunden, Gesundheit wird zur Ware."
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 19.01.2006)
Stockender Kita-Ausbau