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Fotozensur im Ersten Weltkrieg Nur der Gegner durfte tot ins Bild

Deutsche Soldaten nach einer Schlacht an der Ostfront. Im Bild sind auch Pferdekadaver und die Leichen russischer Soldaten zu sehen.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Vom Ersten Weltkrieg zirkulieren unzählige Fotos. Fotohistoriker Anton Holzer warnt jedoch davor, die Bilder einfach für bare Münze zu nehmen. Im Gespräch erläutert er, unter welchen Bedingungen Fotografen zwischen 1914 und 1918 an der Front arbeiteten und wie sich das auf die Abbildungen auswirkte.

Von Philipp Obergaßner

SZ.de: Herr Holzer, in Ihrem Buch "Die andere Front. Fotografie und Propaganda im Ersten Weltkrieg" beschreiben Sie den Ersten Weltkrieg als "ersten modernen Medienkrieg" der Geschichte. Welche Rolle spielte die Fotografie dabei?

Anton Holzer: Zu Kriegsbeginn gab es auf allen Seiten große Vorbehalte gegenüber der Fotografie. In den ersten Kriegsmonaten wurden die Kämpfe noch in Zeichnungen dargestellt. Sie waren das wichtigere Bildmedium, wurden dann aber im Lauf des Krieges verdrängt. Am Ende gab es kaum mehr Zeichnungen. Hier hat ein regelrechter Medienumbruch stattgefunden.

Wie arbeiteten damals Pressefotografen im Krieg?

Die Fotografen trugen schwere Kameras, meist 13 x 18 Zentimeter große Glasplatten zur Belichtung und fast immer ein Stativ. Sie mussten also oft 15 bis 20 Kilo schleppen. Allein die Glasplatten waren sehr schwer. Die Fotografen waren eingebettet in die militärischen Strukturen, konnten sich also nicht frei bewegen. In erster Linie haben sie nicht die Kämpfe fotografiert, sondern die Kommandanten erwarteten die Schilderung repräsentativer Seiten des Krieges: Porträts von Militärs, Logistik und Waffen. Die Kampfszenen waren in der Regel nachgestellt, sie entstanden oft weitab vom Kampfgebiet bei Übungen. Bis heute zirkulieren diese Bilder in Filmen und Bildbänden als "authentische" Szenen. Wir wollen heute nicht wahrhaben, dass diese Fotos gestellt waren. Meines Wissens ist auch kein Kriegsfotograf im Ersten Weltkrieg ums Leben gekommen. Das war im Zweiten Weltkrieg anders.

Der Fotograf ist an der Front angekommen. Wie ging es dort weiter?

Vor Ort bekam er Informationen, was er zu fotografieren hatte. Strikt verboten war es, eigene Tote abzulichten. Wenn Bilder von Toten gezeigt wurden, dann immer nur die der Gegenseite. Aber das musste man den Fotografen nicht sagen - die Zensur im eigenen Kopf hat hervorragend funktioniert. Verboten waren auch Fotos von großen Waffen, Erkennungszeichen auf Flugzeugen und Details von Festungsanlagen. Man wollte dem Gegner keine Informationen liefern. Zur Zensur vor Ort kam dann noch die Zensur in der Zentrale in Berlin oder Wien.

Küsse vom General, Grauen in den Gräben

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Welche Motive waren dann genehm?

Alles, was Erfolge abbildet: Eroberungen, siegreiche Feldherren, die Frontreisen hoher Militärs. Diese wurden sogar von einer eigenen Fotostaffel begleitet. Fotos von der Ostfront sind heute fast in Vergessenheit geraten. Aber gerade von dort gab es viele Bilder vom Hinterland der Front, die unbekannte Bevölkerungsgruppen zeigten, man nannte das "Land und Leute". Teilweise sind diese Aufnahmen idyllisch, oft sogar kitschig. Ausgeblendet haben die Fotografen dabei aber alles, was nicht passte: das Elend, den Hunger, die brutalen Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung. Was die offiziellen Propagandabilder nicht zeigen: In Ost- und Südosteuropa kam es zu Massenhinrichtungen von unschuldigen Zivilisten, die in die Zehntausende gingen. Wir wissen das heute, weil mittlerweile Fotos aus privaten Beständen aufgetaucht sind, die das dokumentieren.

Fotos von der Ostfront sahen also anders aus als Fotos von der Westfront?

Ja, allein schon durch die Unterschiede in der Kriegsführung. Im Osten führten die Achsenmächte einen Bewegungskrieg, während er im Westen zum Stellungskrieg erstarrt war. Dort gab es nur eingeschränkte Perspektiven: der Schützengraben, der Blick über den Grabenrand.

Wie kommt es, dass die Ostfront dann aus dem ikonografischen Gedächtnis verschwand?

Während des Krieges war die Ostfront militärisch und politisch genauso wichtig wie die Westfront. Das Vergessen begann erst in der Nachkriegszeit. Die Erbfeindschaft zu Frankreich wurde reaktiviert. In den auflagenstarken Fotobänden der dreißiger Jahre finden sich hauptsächlich Fotos von der Westfront. Dann legte sich ein weiterer noch viel brutalerer Krieg, der Zweite Weltkrieg, über die Bildwelt der Jahre 1914 bis 1918. Und schließlich kam der Kalte Krieg, alles was hinter dem "Eisernen Vorhang" war, war nun weit entfernt - auch die Archive.

Fotos wie von einer Urlaubsreise

Wie kamen die Fotos bei der Bevölkerung an?

Nicht alle Propagandabilder wurden geglaubt. Fotos, die eine gute Versorgungslage des Hinterlandes suggerierten, waren eine Farce und wurden auch so wahrgenommen. Diese Propagandalüge hat gegen Ende des Krieges zu Protesten geführt. Die gestellten Bilder von Kämpfen hingegen wurden in der Regel nicht kritisiert, da alle Beteiligten über das Zustandekommen der Szenen Bescheid wussten. Erst gegen Kriegsende gab es vereinzelte Debatten, ob konstruierte, gestellte Bilder zulässig seien. Frank Hurley etwa, ein australischer Fotograf an der Westfront, erkannte, dass der Krieg in seiner Dramatik nicht gut darstellbar war. Er wollte in Bildern ganz nahe an die Kämpfe heran, wollte aufregende Kampfszenen festhalten. Aus diesem Grund hat er Bilder bei Übungen im Hinterland aufgenommen. Aus diesen Negativen hat er neue Szenen gebastelt: hier ein Flugzeug ausgeschnitten, da einen stürmenden Soldaten eingebaut, ein paar dramatische Sonnenstrahlen und so weiter.

Das heißt, unsere bildliche Vorstellung vom Ersten Weltkrieg basiert auf Fotos, die manipuliert sind?

Es geht sogar noch weiter: In vielen Fotobänden der Nachkriegszeit und teilweise bis heute finden sich Bilder aus Kriegsfilmen der zwanziger Jahre, die die Schlachten nachgestellt haben. Dramatische Szenen von Soldaten, die aus dem Schützengraben hervorstürmen. Und mitten drin die Fotografen, die unter Lebensgefahr die Augenblicke der Gefahr fotografieren. Nur: die Bilder stammen nicht aus dem Krieg, sondern entstanden erst später. Aber sie haben sich als quasi authentische Bilder in unsere Köpfe eingegraben, auch wenn sie historisch falsch sind. Wir vergessen: Oft wurde wochen-, ja monatelang nicht gekämpft, sondern im Schützengraben abgewartet.

Anton Holzer ist Fotohistoriker und Herausgeber der Zeitschrift Fotogeschichte. Er publizierte im Primus-Verlag mehrere Bücher zum Ersten Weltkrieg: "Die andere Front. Fotografie und Propaganda im Ersten Weltkrieg", "Das Lächeln der Henker. Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung 1914-1918" und "Die letzten Tage der Menschheit. Der Erste Weltkrieg in Bildern. Mit Texten von Karl Kraus".

(Foto: privat)

Es gab allerdings auch Soldaten, die den Frontalltag privat fotografiert haben.

Ja, aber auch hier gibt es sehr wenige Kampfbilder. Die privaten Fotos kommen nicht von vorderster Front, sondern bilden sehr oft Gemeinschaftsszenen ab, zeigen Land und Leute, die Kriegszerstörungen: Die Soldaten haben das fotografiert, was ihnen fremd war - wie bei einer Urlaubs- oder Abenteuerreise. Sehr viele Soldaten hatten ihre Kamera dabei. Und dennoch: Für alle war das Medium nicht zugänglich. Eine gute Fotoausrüstung kostete etwa den Monatslohn eines Beamten. Aber da die Nachfrage stieg, reagierte auch die Fotobranche auf den Markt: die Kameras wurden kleiner und handlicher, der leichte Rollfilm ersetzte die klobigen Glasplatten und es wurden lichtstarke Objektive eingeführt.

Was machten die Soldaten mit ihren Aufnahmen?

Die wurden nach Hause geschickt. Sie sollten eine geschönte Erinnerung an den Krieg ermöglichen. Bilder von Gräueltaten und Leichenfeldern jedoch gelangten nicht an die Heimatfront: Alle Briefe und Fotos wurden von der Zensur durchleuchtet.

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