Forsa-Chef Güllner Meinungen und Gemeinheiten

Bei Kollegen und Politikern ist er berüchtigt: Jetzt steht Forsa-Chef Manfred Güllner vor Gericht - er warf einer Konkurrenzfirma vor, Umfragen zu schönen.

Von Sebastian Beck

Die Lust am Kommentieren scheint Manfred Güllner noch nicht verloren zu haben. Jedenfalls ist es erst gut zwei Wochen her, dass der Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa den Lübecker Nachrichten ein Interview gab. Darin lästerte er über Ralf Stegner, den SPD-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2010 in Schleswig-Holstein: "Er wird, mit Verlaub, von den Menschen als Kotzbrocken wahrgenommen."

Schwere Vorwürfe gegen Forsa Chef Manfred Güllner.

(Foto: Foto: dpa)

"Na und" - das ist alles, was Güllner antwortet, wenn er gefragt wird, ob der Begriff "Kotzbrocken" womöglich eine Beleidigung darstelle. Seinen Anwalt lässt er ausrichten, er habe Stegner keinesfalls mit dem Begriff "Kotzbrocken" bedacht.

Dabei hätte Güllner durchaus Grund, sich vorsichtiger zu äußern, denn nach dem Landgericht Berlin beschäftigt sich jetzt auch das Landgericht München mit einem Güllner-Zitat - allerdings nicht mit dem "Kotzbrocken", sondern mit der Passage aus einem Interview, das er im April 2008 dem Stern gab.

Darin zog der Meinungsforscher über die Demoskopie-Konkurrenz von Infratest her: "Das ist vierzig Jahre das Hausinstitut der SPD. Und da wird man sich schon überlegen, ob man nicht ein bisschen die Zahlen schönt oder nicht." Infratest dimap verklagte Güllner daraufhin vor dem Landgericht in Berlin auf Unterlassung - und bekam recht.

Auch im Münchner Verfahren der Schwesterfirma Infratest GmbH sieht es schlecht für Güllner aus. Richter Wolfgang Kopp deutete am Freitag bereits an, dass das Urteil für den Forsa-Chef "eher negativ" ausfallen werde.

Bei Kollegen und Politikern berüchtigt

Der meinungsfreudige Güllner ist unter Kollegen aus der Branche, aber auch unter Politikern berüchtigt. Vor allem die SPD sieht sich seit Jahren als Opfer von Forsa: Als "Güllnersche Standardabweichung" werden in der Partei jene Umfrage-Ergebnisse bespöttelt, die für die Sozialdemokraten immer wieder um ein paar Prozentpunkte schlechter ausfallen als die anderer Institute.

Bei der Interpretation seiner Daten ist Güllner alles andere als zimperlich. Über SPD-Chef Franz Müntefering soll Güllner laut Spiegel gesagt haben, er sei ein "stalinistischer Apparatschik"; dem Vorgänger Kurt Beck bescheinigte er ein schwaches Erscheinungsbild und unglückliche Auftritte.

Insbesondere die Linken in der Partei kann Güllner allem Anschein nach nicht ausstehen. "Ich kriege immer eins auf die Rübe. Das nehme ich eher mit Humor", sagt der als Kotzbrocken titulierte Stegner. Dabei ist Güllner selbst SPD-Mitglied, was in der Partei den Verdacht nährt, seine demoskopischen Tatmotive seien enttäuschte Liebe und der Groll darüber, dass er von der SPD keine Aufträge mehr erhalte. Güllner wiederum behauptet, er habe in zwanzig Jahren "ganze zwei Aufträge bekommen".

Für den Stern analysiert Forsa jede Woche die Stimmungslage in Deutschland. Das Onlineportal des Stern war es auch, dem Güllner das Video-Interview gab, bei dem er Infratest eins überzog - und sich damit Ärger einhandelte. "Das ist ein Frontalangriff auf Unabhängigkeit und Seriosität eines Umfrageinstitutes", empörte sich Infratest-Anwalt Ralf Tscherwinka vor dem Münchner Landgericht.

Weder die Infratest GmbH in München noch Infratest-dimap in Berlin hätten von der SPD Aufträge erhalten. Und der Begriff Hausinstitut sei von Güllner herabsetzend gemeint gewesen, mal ganz abgesehen von der Unterstellung, dass bei Infratest Daten manipuliert würden.

In Verhandlungen ist Güllner schweigsam

Güllner gab sich in der Verhandlung schweigsam. Sein Anwalt räumte ein, Güllner habe eine "scharfe Aussage gemacht", aber letztlich eine Vermutung geäußert, und eine Vermutung sei wiederum eine Meinung, weshalb sich Güllner im "Kernbereich der Meinungsfreiheit" bewege. Richter Kopp wollte diese Argumentation nicht nachvollziehen: Der Begriff Hausinstitut ist seiner Meinung nach zwar für sich betrachtet kein Problem.

Wenn Güllner aber davon spreche, dass bei Infratest womöglich Zahlen geschönt würden, dann stelle dies eine Tatsachenbehauptung dar - und zwar eine in hohem Maße negative wie kreditschädigende. "Das wirft die Frage auf, ob sie sich nicht wieder vertragen wollen", sagte Kopp nach eineinhalb Stunden Erörterung.

Nein, beschieden ihm die Streitparteien. Deshalb wird das Landgericht München am 7. Mai ein Urteil fällen. Gegen das Berliner Urteil hat Güllner bereits Berufung eingelegt. Im Streit der Demoskopen ist also kein Ende in Sicht.

Immerhin: Ralf Stegner will auf juristische Schritte verzichten, wenngleich er versichert, dass er kein Kotzbrocken sei. Und in ihren jüngsten Umfragen kamen Forsa und Infratest dimap zum selben Ergebnis: Demnach wäre die SPD Mitte Dezember bei Bundestagswahlen auf gerade einmal 24 Prozent gekommen.