Forderung nach City-Maut für Stuttgart 6,10 Euro für jede Autofahrt ins Zentrum

Baden-Württembergs grüner Verkehrsminister Winfried Hermann denkt über die Einführung einer City-Maut nach. In der Hauptstadt des Ländle, aber auch in Mannheim oder Karlsruhe sollen Autofahrer für die Stadteinfahrt so viel zahlen wie für ein Tagesticket bei Bus und Bahn. Ein radikaler Vorschlag in dem Autoland.

Von Roman Deininger

Winfried Kretschmann hat kürzlich eine Klarstellung vorgenommen, nur für den Fall, dass in 32 Jahren Parteigeschichte ein völlig falscher Eindruck entstanden sein sollte. Seine Grünen, sagte der baden-württembergische Ministerpräsident, seien "schon immer Autofahrerpartei gewesen".

Neben all den Autofahrern bieten die Grünen aber offenbar auch Leuten wie Winfried Hermann eine Heimat, dem begeisterten Radler, den Kretschmann zum Entzücken des grünen Fundi-Flügels zum Verkehrsminister machte. Gemeinsam regieren die beiden nun das deutsche Autoland im Südwesten, das bis heute wirtschaftlich - und ein wenig auch kulturell - auf den Schultern seiner großen Söhne Gottlieb Daimler und Carl Benz steht.

Kretschmann trägt diesem Umstand inzwischen durch umfassende Abrüstung in seiner Mobilitätsrhetorik Rechnung, neuen Ärger mit S-Klasse-Gondolieres, Nico-Rosberg-Fans und Porsche-Bandarbeitern will er tunlichst vermeiden.

Bei Hermann ist dieser Wunsch nicht in gleichem Maße ausgeprägt: Gerade hat er sich für die Einführung einer City-Maut in den Ballungsräumen ausgesprochen, in Mannheim, Karlsruhe und vor allem in Stuttgart. 6,10 Euro könnte sie dort pro Einfahrt betragen, findet Hermann, so viel wie ein Tagesticket für Bus und Bahn.

Die Autohauptstadt des Autolandes wird standesgemäß von vielen scheußlichen Verkehrsachsen durchschnitten, sie ächzt unter heftiger Stau- und Feinstaubbelastung. Radikale Ideen zur Abhilfe sind da sicher nicht absurd; angesichts der gewaltigen Mercedes- und Porsche-Werke draußen in Untertürkheim und Zuffenhausen aber auch ziemlich mutig.

Ökolabor Tübingen

An Mut zur Auseinandersetzung hat es Hermann freilich noch nie gemangelt. Auch mächtige Gegner schrecken den Minister nicht, bei Stuttgart 21 bekam das die Bahn zu spüren. Bei der City-Maut steht Hermann jetzt aber so allein da wie selten zuvor. Der rote Koalitionspartner mahnte, der Grüne solle doch bitte endlich mal aufhören, "sich immer neue Belastungen für die Autofahrer einfallen zu lassen".

Und selbst Hermanns Parteifreunde im Stuttgarter Gemeinderat gaben sich reserviert. Der grüne OB-Kandidat Fritz Kuhn sagte, er sei "skeptisch", ob eine Maut das richtige Konzept sei. Stuttgart, so die Kritiker, sei kein "Monozentrum" wie London, das seit 2003 eine Maut kassiert: Die Leute würden ja nicht nur freiwillig in den Stuttgarter Talkessel hinein-, sondern auch eher unfreiwillig hindurchfahren - etwa um von Waiblingen nach Böblingen zu kommen.

Parksysteme und Tempolimits seien deshalb "geeignetere Ansätze" zur Verkehrslenkung. Die verfolgt Hermann allerdings auch schon längst. Es dürfe, sagt er, "in dieser Debatte überhaupt keine Denktabus" geben.

Das wiederum kommt Boris Palmer sehr entgegen, dem findigen grünen Oberbürgermeister in Hermanns lieblicher Heimatstadt Tübingen. Wenn Boris Palmer lange genug nachdenkt, findet er immer ein Tabu zum Brechen. Nun will er sein ökologisch-soziales Labor Tübingen zur ersten deutschen Stadt mit Gratis-Omnibussen machen, bezahlt durch eine jährliche Verkehrsabgabe der Tübinger Bürger. Die Grünen wären spätestens dann also gleichzeitig Radfahrer-, Autofahrer- und Busfahrerpartei.