Folteraffäre Endloser Krieg, endloser Strom von Fotos

Fotografien haben seit über sechs Jahrzehnten einen wesentlichen Einfluss darauf, welches Gewicht wir Konflikten beimessen und wie wir sie in Erinnerung behalten. In unserer Gedächtnisgalerie bewahren wir überwiegend visuelle Eindrücke auf. Bilder üben auf uns eine unbezwingbare Macht aus. Die Folter-Aufnahmen von irakischen Gefangenen im berüchtigten Abu-Ghraib-Gefängnis werden deshalb von Menschen auf der ganzen Welt wohl für immer mit diesem unmoralischen Krieg assoziiert werden.

Von Von Susan Sontag

Die Bush-Administration und ihre Verteidiger sind mehr mit dem PublicRelations-Desaster - der Weiterverbreitung der Bilder - beschäftigt als mit der komplexen Schuldfrage in Bezug auf die verantwortlichen Führungskräfte und mit den kriminellen Methoden, die durch diese Aufnahmen ans Licht kamen.

Eine Wärterin im Gefängnis Abu Ghraib.

(Foto: Foto: dpa)

Als erstes ist die Realität auf die Bilder verlagert worden: Die US-Regierung zeigte sich schockiert und angewidert von den Aufnahmen - gerade so, als ob diese Bilder selbst das Entsetzliche wären und nicht das, was sie zeigen.

Auch das Wort Folter wurde sorgsam vermieden. Die Gefangenen seien möglicherweise "missbraucht", schließlich auch "gedemütigt" worden - mehr wurde nicht eingeräumt. "Mein Eindruck ist, dass den Soldaten vor allem Missbrauch vorgeworfen wird. Genau genommen ist das nicht dasselbe wie Folter", sagte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bei einer Pressekonferenz. "Deshalb werde ich das Wort Folter nicht verwenden".

Worte verändern, Worte verstärken oder reduzieren. Das angestrengte Vermeiden des Wortes "Genozid" während des Abschlachtens Hunderttausender Tutsis in Ruanda durch ihre Hutu-Nachbarn wies darauf hin, dass die amerikanische Regierung damals nicht beabsichtigte, etwas dagegen zu unternehmen.

Die Weigerung, die Vorkommnisse in Abu Ghraib - und in anderen Gefängnissen im Irak und in Afghanistan, oder in Guantanamo Bay - als Folter zu bezeichnen ist so unerhört wie die Weigerung, das Geschehen in Ruanda einen Genozid zu nennen.

Hier die Standard-Definition von Folter gemäß internationalem Recht und multilateralen Abkommen, zu deren Unterzeichnern die USA gehören: "Unter Folter...ist jede Handlung zu verstehen, durch die einer Person von einem Träger staatlicher Gewalt oder auf dessen Veranlassung hin vorsätzlich starke körperliche oder geistig-seelische Schmerzen oder Leiden zugefügt werden, um von ihr oder einem Dritten eine Aussage oder ein Geständnis zu erzwingen".

(Diese Definition ist der UN-Konvention von 1984 gegen die Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlungen oder Strafen entnommen. Sie ist in mehr oder weniger dem selben Wortlaut in früheren Verträgen enthalten, angefangen bei der Genfer Konvention und ihren vier Abkommen von 1949, sowie in vielen neueren internationalen Menschenrechts-Abkommen wie dem Internationale Abkommen über Bürgerrechte und politische Rechte und der Europäischen, der Afrikanischen und der Inter-Amerikanischen Menschenrechtskonvention.)

In der UN-Konvention von 1984 wird ausdrücklich erklärt: "Keine besonderen Umstände irgend einer Art, sei es Krieg oder ein drohender Krieg, politische Instabilität innerhalb eines Landes oder irgend eine andere öffentliche Not- oder Ausnahmesituation können als Rechtfertigung von Folter dienen." In allen diesen Abkommen wird auch darauf hingewiesen, dass unter den Begriff Folter jede Behandlung fällt, durch die ihr Opfer gedemütigt werden soll - etwa indem es sich nackt in seiner Zelle oder auf dem Gefängnisgang aufzuhalten hat.

Was immer diese US-Regierung zur Begrenzung des Schadens unternehmen wird, den die wachsende Flut von Enthüllungen über Gefangenenfolter in Abu Ghraib und anderswo anrichtet - Prozesse vor Gerichten und Kriegsgerichten, unehrenhafte Entlassungen, Rücktritt von ranghohen Militärs und verantwortlichen Regierungsmitgliedern sowie hohe Entschädigungszahlungen an die Opfer -, das Wort "Folter" wird wohl tabu bleiben.

Das Eingeständnis, dass Amerikaner ihre Gefangenen foltern, würde allem Hohn sprechen, was diese Regierung der Öffentlichkeit über die hehren amerikanischen Absichten und die Universalität amerikanischer Werte vorgaukeln möchte. Auf diese Werte hat Amerika sich im entscheidenden Moment stets voll Stolz berufen, wenn es sein unilaterales Eingreifen auf der Weltbühne zur Verteidigung seiner Interessen und seiner Sicherheit als gerechtfertigt darstellte.

Auch als Amerikas guter Ruf weltweit immer größeren Schaden nahm und Präsident Bush schließlich nicht umhin konnte, das Wort "sorry" in den Mund zu nehmen, schien sich das Bedauern vor allem auf die Beschädigung von Amerikas Anspruch auf moralische Überlegenheit und seine hegemoniale Absicht zu fokussieren, dem ignoranten Nahen Osten "Freiheit und Demokratie" zu bringen.

Diese Folter-Fotos haben sehr viel mit Amerika zu tun

Ja, er bedaure, dass irakische Gefangene und ihre Familien gedemütigt worden seien, erklärte Bush am 6. Mai in Washington an der Seite des jordanischen Königs Abdullah II. Ebenso bedauere er aber, dass die Menschen, die diese Aufnahmen sehen, das wahre Wesen und das aufrichtige Herz Amerikas missverstehen würden, fuhr er fort.

Dass die amerikanischen Anstrengungen im Irak auf diese Bilder reduziert werden könnten, muss jedem, der einen Krieg zum Sturz eines der abscheulichsten Tyrannen unserer Zeit für einigermaßen gerechtfertigt hielt, tatsächlich als unfair erscheinen. Ein Krieg, die Besetzung eines Landes, besteht zwangsläufig aus einem dichten Gewebe von Aktionen. Woher kommt es, dass dabei nur bestimmte Handlungen als charakteristisch für ein Land gesehen werden? Ob die Folterungen das Werk einzelner waren oder allgemein praktiziert wurden - darauf kommt es in diesem Zusammenhang nicht an.

Alle Handlungen werden schließlich von Individuen ausgeführt. Die Frage ist vielmehr, ob Folter systematisch angewandt wurde. Von höherer Stelle genehmigt oder zumindest geduldet. Das war sie. Was zählt ist, ob die von dieser Regierung betriebene Politik und die Hierarchien, die zu ihrer Ausführung gebildet wurden, den Boden für solche Handlungen bereitet haben.

In diesem Licht betrachtet, haben die Folter-Fotos sehr viel mit Amerika zu tun. Sie sind bezeichnend für gewisse Grundsätze dieser US-Administration und für die fundamentale Korruption kolonialer Herrschaft. Die Belgier im Kongo und die Franzosen in Algerien haben ähnliche Scheußlichkeiten begangen; sie haben gefoltert, widerspenstige Einheimische verachtet und sie sexuell erniedrigt.