Besetzung im Zweiten Weltkrieg Athen und Berlin: Offene Rechnung, offene Wunden

Nach der Eroberung 1941: Generalfeldmarschall Walther von Brauchitsch (Mi.) und andere hohe Wehrmachtsoffiziere besichtigen die Akropolis in Athen

(Foto: SZ Photo)

Schuldet Deutschland den Griechen Milliarden an Reparationsleistungen für die Besetzung im Zweiten Weltkrieg? Zwei deutsche Wissenschaftler dokumentieren den Streit - und machen einen heiklen Vorschlag.

Rezension von Constantin Goschler

Der aktuellen politischen Auseinandersetzung um eine Schuldenregelung für Griechenland liegt hierzulande meist ein klares Deutungsmuster zugrunde: Ehrliche Deutsche treffen dort auf unseriöse Griechen, solide Kaufleute auf windige Händler.

In Griechenland wird dies gerade umgekehrt gesehen: Die Deutschen haben demzufolge niemals die gigantischen Kriegsschäden beglichen, die die Besetzung im Zweiten Weltkrieg hinterlassen hat, und sich nach 1945 beharrlich vor Reparationen gedrückt.

Haben "westdeutsche Machteliten" Athens Forderungen systematisch ignoriert?

In der innergriechischen Debatte werden die eigenen Schulden deshalb immer wieder mit den offenen deutschen Reparationen verrechnet. Karl Heinz Roth und Hartmut Rübner haben nun ein sachkundiges und engagiertes Plädoyer für die Anerkennung der deutschen "Reparationsschuld" gegenüber Griechenland vorgelegt.

Im ersten Teil des Buches analysiert Roth die jahrzehntelangen Bemühungen Athens um Reparationen. Als die Wehrmacht im Oktober 1944 nach dreieinhalbjähriger Besatzung aus Griechenland abzog, hinterließ sie sprichwörtlich "verbrannte Erde": Wirtschaft, Währung und Infrastruktur waren vollständig zerstört.

Der Gesundheitszustand der überlebenden Bevölkerung war katastrophal - bis Kriegsende waren etwa 140 000 Menschen an den Folgen von Unterernährung gestorben. Und schließlich hatten die Deutschen auch den Samen für den Bürgerkrieg zwischen kommunistischen und monarchistisch-konservativen Gruppierungen gesät, der nach der Befreiung blutig aufging.

Auf der Pariser Reparationskonferenz präsentierte die griechische Regierung 1946 eine Schadensbilanz in Höhe von 7,2 Milliarden US-Dollar - am Ende erhielt sie einen Anteil von 25 Millionen US-Dollar zugesprochen. Zwar stand der Gesamtsumme aller alliierten Reparationsforderungen eine ungleich geringere Konkursmasse des Deutschen Reiches gegenüber, doch sei Griechenland bereits bei dieser Gelegenheit lediglich am Katzentisch platziert worden.

Das Leitmotiv des Buches lautet, dass ein Bündnis zwischen den USA und der "westdeutschen Machtelite" die griechischen Forderungen jahrzehntelang systematisch ignoriert habe. Strittig ist dabei weniger das Ergebnis als die Erklärung, in der ein Echo aus vergangenen zeithistorischen Debatten nachklingt, in denen die Weltkriege des 20. Jahrhunderts als Folge der Verschwörung deutscher Eliten diskutiert wurden.

Unbestreitbar ist jedoch die diplomatische Arroganz, mit der die Bundesrepublik die griechischen Forderungen über Jahrzehnte hinweg zurückwies. Wer es nicht glauben mag, kann sich gerne in dem von Hartmut Rübner vorzüglich edierten umfangreichen Dokumentenanhang des Buches ein eigenes Bild machen.

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Allerdings beschränkt sich die Dokumentenauswahl fast ausschließlich auf deutsche Dokumente, und so lässt sich kein Blick in das Innere der griechischen Diplomatie und ihren Anteil an der gescheiterten Reparationspolitik gewinnen. Lange Zeit setzte die griechische Regierung auf eine special relationship zur Bundesrepublik, die allerdings auf asymmetrischen Machtverhältnissen basierte.

Auf diesem bilateralen Weg erntete Athen lediglich Misserfolge, abgesehen von einer Globalentschädigung in Höhe von 115 Millionen Mark im Jahre 1960, die allerdings durch eine gemeinsame Aktion mit anderen westeuropäischen ehemaligen Kriegsgegnern Deutschlands zustande gekommen war.

Letztlich war auch die griechische diplomatische Selbstblockade gegenüber der Bundesrepublik eine langfristige Nachwirkung des Bürgerkriegs, was dieser Band ausblendet und sich ganz auf eine scharfe Kritik der westdeutschen Außenpolitik beschränkt.