Folgen der Bayern-Wahl für Bundespolitik Die Union spricht bayrisch

Die Aura der Außergewöhnlichkeit ist zurück: Die CSU wird nach der Bundestagswahl eine Macht in Berlin sein, an der niemand vorbeikommt. Die Spielchen rund um die Pkw-Maut waren nur ein Vorgeschmack. Der ebenso vitale wie brutale Seehofer kann mit der CSU jetzt fast alles machen, was er will - zumindest für ein paar Jahre.

Ein Kommentar von Heribert Prantl

Das Orakel von Delphi steht seit Sonntagabend in Bayern. Man klopft dort an mit der Frage, was denn nun das bayerische Ergebnis für die Bundestagswahl vorhersage. Die CDU liest das Orakel und tut so, als stünde dort nicht "Wahlnacht", sondern "Weihnacht". Die SPD konstatiert Rückenwind, brummelt aber leise: Mühsam nährt sich das Eichhörnchen. Die FDP spürt als neue Kraft die Kraft der Verzweiflung. Allein die Grünen hadern offensiv mit dem Orakel und sagen, sie könnten es nicht verstehen.

Die Wahlforscher, also die Sachverständigen für das Orakelwesen, verstehen das alles zwar von Berufs wegen, sind sich aber uneins. Die einen stellen fest: Das Orakel mobilisiere Zweitstimmen für die FDP bei der Bundestagswahl. Die anderen prognostizieren das Gegenteil: Potenzielle Wähler seien nun demoralisiert. Dementsprechend glauben die einen an eine Fortsetzung der schwarz-gelben Koalition nach der Bundestagswahl, die anderen glauben daran noch weniger als bisher. Nur einem ist die Orakelei ziemlich egal - Horst Seehofer, dem Wahlsieger.

Seehofer weiß, dass eines schon jetzt feststeht: Das bundespolitische Gewicht der CSU wird wieder steigen; ja, es ist schon jetzt gestiegen. Die CSU ist nun wieder die einzige Partei in Deutschland, die ein Flächenland, noch dazu ein so großes, allein regiert.

Die neue Potenz der CSU

Dieser CSU-Erfolg überstrahlt ein deutschlandweites Unions-Debakel: Es gibt kaum noch CDU-Ministerpräsidenten, und schon gar keine von Gewicht. Die Bundesländer sind ganz überwiegend in der Hand der SPD. Im Westen der Republik regieren nur noch zwei Christdemokraten: im kleinen Saarland, wo Annegret Kramp-Karrenbauer mit Hilfe der SPD amtiert. Und in Hessen, wo Volker Bouffier - er koaliert mit der FDP - womöglich nach dem kommenden Sonntag abtreten muss.

Das heißt: Im Parteienbündnis CDU/CSU wird künftig "CDU" kleiner und "CSU" größer geschrieben: cdu/CSU also. Wenn es im Bund wieder zu einer Merkel-Regierung kommt, was, in welcher Kombination auch immer, wahrscheinlich ist, wird die CSU, in welcher Koalition auch immer, eine Potenz sein.

Die CSU hat ihre schon fast verflogene Aura des Außergewöhnlichen wieder repariert. Gewiss: Es sind nicht die alten Zeiten von Glanz und Gloria wiedergekehrt. Glanz ist wieder da; Glorie nicht; die Zeiten, in denen das Wahlziel 50 plus x hieß, sind endgültig vorbei. Aber das 47,7-Prozent-Ergebnis glänzt. Seehofer hat es geschafft mit einer eigenwilligen politischen Mischung, mit einer Kreuzung aus Franz Josef Strauß und Alfons Goppel.

Der landesväterliche Goppel, der 16 Jahre lang Bayern regiert hat, war ein demokratischer Kurfürst, ein grundsympathisch-bescheidener Herr, der sich in die Bundespolitik kaum einmischte. Strauß, der bayerische Pate, war das Musterexemplar eines Bundes- und Machtpolitikers. Seehofer nun ist beides, ein Goppel und ein Strauß. Er ist ein landesväterlicher Machtpolitiker, einer, der den alten CSU-Dreiklang neu interpretiert: vital, brutal, sentimental. Im Lichte des Wahlsieges werden seine Schwächen vorübergehend zu Stärken stilisiert werden; seine autokratische, sprunghafte Art wird eine Zeit lang als bayerische Dialektik gelten.

Seehofer wird seine Macht nutzen - nicht zur Freude von Merkel

Seehofer ist ein Ministerpräsident, der in der Bundespolitik groß geworden ist; das hat er mit Strauß gemeinsam. Alle anderen bisherigen bayerischen Ministerpräsidenten sind im Landtag, in der Landespolitik sozialisiert worden; Seehofer nicht. Er war deshalb einer, der einst als "Horst ohne Land" in der CSU galt. Jetzt hat er das Land gewonnen; jetzt kann er, ein paar Jahre lang, mit der CSU fast alles machen, was er will. Er hat nun Macht, weil er der CSU die Macht gesichert hat. Er wird sie bundespolitisch nutzen, nicht zur reinen Freude von Angela Merkel.

Sollte am kommenden Sonntag die schwarz-gelbe Koalition bestätigt werden, wird sie sehr knapp bestätigt werden. Die FDP wird gedrittelt und heilfroh sein, dass sie überlebt hat. Daneben wird eine Seehofer-CSU stehen, die vor Kraft kaum gehen kann. Man darf nicht vergessen, dass Seehofer Sozialpolitiker war und ist; er wird sich von einer gerupften FDP nicht viel Wasser in seine Politik schütten lassen. Darauf, dass die Mütterrente umfassend kommt, dass also nicht nur Frauen, die ihre Kinder nach 1992 geboren haben, eine Rente erhalten, kann man sich schon einstellen: Das wird in einer Unions-Regierung mit der FDP so sein, in einer Unionsregierung mit SPD oder Grünen ohnehin.

Die CSU wird das faktische Vetorecht, das sie in der CDU/CSU-Fraktion hat, künftig als Trumpfkarte ausspielen. Aus Mautspielchen wird Ernst; wie so ein Ernst aussieht, hat die CSU beim Betreuungsgeld schon gezeigt. So etwas wird Merkel künftig ständig erleben. Anders gesagt: Die Union spricht jetzt bayrisch.