Ein Kommentar von Nico Fried

Vor einem halben Jahr foulte Wolfgang Clement Andrea Ypsilanti im hessischen Wahlkampf. Heute haben sie etwas gemein: An ihnen entscheidet sich ein Stück Zukunft der SPD.

Es entbehrt nicht der Ironie, dass der Streit um Wolfgang Clements Parteiausschluss nun zusammenfällt mit der Debatte um einen zweiten Anlauf der hessischen SPD-Chefin Andrea Ypsilanti, mit den Stimmen der Linken Ministerpräsidentin zu werden. Anlass für das parteiinterne Verfahren gegen Clement war sein Foul gegen Ypsilanti im Wahlkampf. Und nun, ein halbes Jahr später, muss sich die SPD gleichzeitig entscheiden, wie sie es hält mit den Antipoden vom rechten und vom linken Flügel.

Bild vergrößern

In unterschiedlichen Situationen je eine schwere Dummheit begangen: Andrea Ypsilanti und Wolfgang Clement. (© Foto: dpa)

Anzeige

An Sturheit nicht zu überbieten

Eigentlich müssten sich die beiden ja gut verstehen. Denn an Sturheit sind Ypsilanti und Clement nur schwer zu überbieten. Beiden gemein ist die mangelnde Einsicht, in zwei unterschiedlichen Situationen jeweils eine schwere Dummheit begangen zu haben. Clement, weil er es im Januar nicht dabei beließ, die Energiepolitik Ypsilantis zu kritisieren, sondern zum Wahlboykott gegen die Genossin aufrief. Ypsilanti, weil sie nach den Landtagswahlen in Hessen einen Wortbruch beging und bis heute nicht kapieren will, welchen Schaden sie der SPD damit zugefügt hat.

Mit solchen Dickschädeln umzugehen, ist eine Aufgabe, um die man SPD-Chef Kurt Beck und den Rest der Parteispitze nicht beneiden muss. Es lässt sich ja auch schwerlich behaupten, dass sie bislang sehr überzeugend agiert hätten.

Im Sog des Alleingangs von Ypsilanti ließ sich Beck zu seinem Wackelkurs gegenüber der Linken hinreißen, den seine Stellvertreter Steinmeier und Steinbrück widerwillig mittragen mussten. Und Wolfgang Clement hat sich jetzt für vorsichtige Solidaritätsbekundungen der Parteispitze revanchiert, indem er der SPD eine Reideologisierung in Richtung der 50er Jahre vorhielt.

Dank dieser Freundlichkeit sind nun Steinbrück und Steinmeier, die bei allen wichtigen Entscheidungen der jüngeren Vergangenheit brav die Hand gehoben haben, die Gelackmeierten.

Kurt Beck hat wenig in der Hand

Plötzlich gehören der Fall Clement und der Fall Ypsilanti zusammen. Die jeweiligen Flügel der SPD werden sehr genau beobachten, wie sich die Parteispitze in beiden Fragen verhält.

Erschwerend kommt hinzu, dass deren Einflussmöglichkeiten begrenzt sind: Was die Entscheidung der Bundesschiedskommission zu Clement betrifft, ist deren Unabhängigkeit in der Satzung festgeschrieben. Was Hessen und Ypsilantis Ambitionen angeht, hat die SPD-Führung erst vor wenigen Monaten schwarz auf weiß beschlossen, dass die Landesverbände selbst entscheiden dürfen.

Kurt Beck und die Parteispitze haben also wenig in der Hand. Sie können den Beteiligten gut zureden und auf guten Willen allenthalben hoffen, dass es nicht zum Äußersten kommt. Und das Äußerste, das größte anzunehmende Debakel, wäre ein Ausschluss Clements und ein zweiter Anlauf Ypsilantis. Gelingt es Beck, beides zu verhindern, hätte er einen Erfolg zu verbuchen - es wäre der Erfolg, den Schaden für die SPD begrenzt zu haben, den er selbst zumindest in einem Fall mit angerichtet hat.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...

(SZ vom 04.08.2008/jkr)