Flüchtlingspolitik Zwei Jahre "Wir schaffen das": Asylhelfer blicken zurück

"Refugees Welcome": Der Enthusiasmus von 2015 scheint verebbt, aber viele Menschen engagieren sich immer noch für Neuankömmlinge

(Foto: Florian Peljak)

Zum Amt begleiten, Rasen mähen lassen, vor die Tür setzen: Flüchtlingshelfer schildern ihr Engagement und erzählen, was sich seit Sommer 2015 geändert hat.

Protokolle von Bernd Kastner

Der Diakon: Klare Ansagen sind notwendig

Winfried Rottenecker arbeitet in einer katholischen Innenstadtgemeinde in Essen mit und für Migranten. Sein Viertel habe enorm von ihnen profitiert, sagt er.

Winfried Rottenecker, 52

(Foto: privat)

Was alles schieflaufen kann, lässt sich in Essen beobachten. Dort leben viele Menschen ohne Bleiberecht, und das oft seit Jahrzehnten: Kurdische Libanesen sind es, die meist in den 80er-Jahren nach Deutschland geflohen sind und oft im Status der Duldung verharren. Die breite Öffentlichkeit interessiert sich meist nur dann für sie, wenn sie in eine Gewalttat verwickelt sind, in den Medien ist dann gerne von "arabischen Clans" die Rede. Eine eigene Welt.

Man müsse den Leuten klar sagen, welche Perspektive sie haben in Deutschland, wünscht sich Winfried Rottenecker. Er arbeitet als Diakon in der Innenstadtpfarrei St. Gertrud viel mit und für Migranten. "Die Menschen können besser damit umgehen, wenn man ihnen klar sagt: keine Perspektive. Der Schwebezustand, ihr dürft bleiben, müsst euch aber alle drei Monate auf dem Amt melden, ihr dürft nicht arbeiten, müsst aber irgendwie über die Runden kommen, dieses Lavieren ist nicht gut." Am Ende sei eine Abschiebung besser als die endlose Hängepartie. Rottenecker befürchtet bei manchen Flüchtlingsgruppen, etwa aus Nordafrika, dass sich das Scheitern wiederholen könnte. Sie hätten keine Perspektive in Deutschland, weigerten sich aber häufig zurückzugehen.

Dass bei allen Problemen die vergangenen zwei Jahre eine "riesige Erfolgsgeschichte" seien, "kommt mir manchmal zu kurz", sagt Winfried Rottenecker. Sein Innenstadtviertel als Ganzes habe enorm profitiert vom Zuzug der Flüchtlinge: "Wir sind jünger geworden, lebendiger, bunter, sozialer, intelligenter, kommunikativer." Das wirke sich auch auf das Miteinander mit Menschen aus problematischen Familien aus: Sie müssten sich jetzt besser einfügen, weil die Leute im Stadtteil "viel aufmerksamer" geworden seien. Migranten, die in prekären Verhältnissen leben, würden inzwischen besser aufgefangen, die Gefahr, dass sie in einer Art Ghetto landen, sei geringer als früher. "Wenn ein Stadtteil aufmerksam ist, dann entwickelt sich das Miteinander positiv. Dann entsteht eine Wertschätzung der Vielfalt."

Die Beraterin: Das Misstrauen ist sehr groß

Christina Riebesecker engagiert sich ehrenamtlich für die Refugee Law Clinic in Leipzig - als Brückenbauerin zwischen Flüchtlingen und Behörden.

Christina Riebesacker, 27

(Foto: privat)

"Man bekommt große Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit in Deutschland." Christina Riebesecker erlebt unmittelbar, was schiefläuft. Immer wieder kriege sie Bescheide des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge auf den Tisch, die mal schlampig geschrieben, mitunter sogar fehlerhaft seien, und das schon in ganz formalen Punkten: Angaben zu Herkunftsland, Religion, Volkszugehörigkeit, Geschlecht. Mitunter funktioniere, gleich zu Beginn des Verfahrens, nicht mal, dass die Einladung zur Anhörung rechtzeitig ankommt. Das könne bedeuten, dass das Asylverfahren endet, ehe es wirklich angefangen hat, wegen angeblich fehlender Mitwirkung des Flüchtlings.

In der Refugee Law Clinic Leipzig ist Riebesecker aktiv, der Verein begleitet Flüchtlinge während des Verfahrens. "Ohne die Hilfe der Ehrenamtlichen würde es nicht gut ausgehen für die Flüchtlinge." 90 Prozent ihrer Arbeit, schätzt sie, verwende sie für den Kontakt zu Behörden, sie hat vor allem in Sachsen ihre Erfahrungen gesammelt. Gewiss, es gebe viele freundliche, engagierte Mitarbeiter, aber eben auch das Gegenteil: Ein Klima der Konfrontation, des "institutionellen Misstrauens" erlebe sie in den Ausländerämtern etwa, zu oft sei die Grundfrage in den Ämtern: Wie finde ich heraus, dass dieser Mensch, der Flüchtling, lügt?

Wie sich die Asylpolitik geändert habe in den vergangenen zwei Jahren, so habe sich auch die Helferszene gewandelt. Viele seien abgesprungen, und von denen, die bei der Stange bleiben, hätten sich viele politisiert. "Man wird wütender", sagt Riebesecker. Viele wollten nicht mehr nur helfen, sondern politisch auch etwas bewegen: nicht einfach hinnehmen, was sie als Abwehr und Gängelung der Flüchtlinge erleben. Deshalb reagierten sie mit harscher Kritik am Staat: "Die Politik", sagt Christina Riebesecker, "muss sich fragen, was es bedeutet, wenn ein Teil der Bürger am Staat zweifelt."