Flüchtlingskrise Wer sind "Wir"?

Bundeskanzlerin Angela Merkel lässt sich für ein Selfie zusammen mit einem Flüchtling fotografieren.

(Foto: dpa)
  • In der Flüchtlingskrise ringen Politiker um Einigung.
  • Angela Merkel beruft sich dabei auf ein "Wir" mit freundlichem Gesicht. Jean Asselborn grenzt das "Wir" von der Afrikanischen Union ab.
  • Das birgt Gefahren: Streit um Unterschiede - oder Stigmatisierung.
  • Die Methode kann aber auch gewinnen - und die Gemeinschaft mobilisieren.
Von Sophie Rohrmeier

Angela Merkel sagt, ein Land, in dem wir uns entschuldigen müssen, wenn "wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen", sei nicht ihr Land. Der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn sagt, "wir" seien doch nicht in der Afrikanischen Union. Zwei Sätze, die sich angesichts der Flüchtlingskrise auf ein "Wir" berufen - auf die Identität Deutschlands und Europas. Beide Aussagen sind ein Versuch, Gemeinschaften zu einer Einigung zu bewegen. Aber: Geht das so einfach? Und: Was genau bedeuten die Sätze überhaupt?

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Eines zeigen die Politikerzitate deutlich: In der Debatte um Flüchtlinge verbirgt sich auch die Debatte über Identität. Diese Debatte läuft. In den Medien, auf den Straßen - und in der Politik. In Deutschland und der EU. Es geht um einen Staat und eine Staatengemeinschaft, die gerade mehr Flüchtlinge aufnehmen als je zuvor. Und um die Frage, wie mit ihnen umzugehen ist. Eine einfache Antwort auf diese Fragen gibt es nicht. Die Ausschreitungen von Heidenau, ergebnislose EU-Ministertreffen und die andauernde Debatte in der Regierungskoalition zeigen, dass Einigkeit nur schwer herzustellen ist. Denn am Ende geht es auch um die Frage: Wer sind wir? Oder: Wer wollen wir sein?

In der Krise will man sich nicht festlegen

Merkel und Asselborn versuchen offenbar dieselbe Methode: Sie bleiben in der Krise vage - und wollen so alle Beteiligten gemeinsam mobilisieren. Beide nutzen das Wort "wir" - und das Wort "nicht". Beide bestimmen mit ihren Sätzen, was Deutschland, was Europa nicht ist und nicht sein soll. Merkels Land ist nur eines mit einem freundlichen Gesicht. Und Asselborns EU ist nicht die Afrikanische Union. Identitätsbestimmung per Ausschlussverfahren.

In der Krise, so lehrt es die Soziologie, kann sich die Politik keine konkreten Festlegungen leisten - wenn sie eine Gemeinschaft mobilisieren will. Und Merkel will. Das hat sie mit einer Art Marken-Motto klargemacht: "Wir schaffen das."

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Die deutsche Kanzlerin sagt aber nicht konkret, wer das "Wir" ist, von dem sie spricht. Gehören Christen, Juden, Muslime oder Atheisten gleichermaßen dazu? Menschen aus dem Westen Deutschlands ebenso wie aus dem Osten? Meint sie Politiker - und ihre Wähler? Nord-, Mittel- und Osteuropa vielleicht sogar? Es ist ein unbestimmtes Wir. Und gerade deshalb schließt es alle ein. Fast alle.

Was ist "freundlich"?

"Nur wer ein böses Gesicht machen will, der kann sich nicht angesprochen fühlen", sagt der Konstanzer Kultursoziologe Robert Seyfert, und: "Dieser Satz kann nicht jede mögliche Entscheidung zur Folge haben." Damit zeigt Merkel, welche kollektive Identität sie sehen will - ein in der Not freundlich gesinntes Wir. Sie verpflichtet Politik und Bürger.

Worauf genau? Das bleibt so unbestimmt wie das "Wir". Welches Verhalten genau ein "freundliches Gesicht" ausmacht, das sagt Merkel nicht. Sie sagt nicht: Wir müssen Notleidenden helfen. Sie spricht nicht von der Genfer Flüchtlingskonvention, nicht von Menschenrechten, nicht von historischer Verantwortung. Sie sagt nichts von Aufenthaltstiteln und Arbeitserlaubnis. Was sie auch nicht sagt: Wem genau wir ein freundliches Gesicht zeigen sollen.

Merkel setzt damit trotzdem einen Standard - wenn auch einen Minimalstandard. Für die Krise. Und die Flüchtlingssituation ist eine Krise. Das ist nicht mehr zu leugnen, spätestens seit die vielen Toten auf dem Mittelmeer öffentlich diskutiert werden, seit an Grenzen und in Lagern Menschen zu Tausenden stranden. Die Gemeinschaft muss zusammenhalten, sonst ist die Lage nicht zu meistern - sonst ist der soziale Frieden bedroht.

Appelle an die Identität bergen Gefahren. Der Streit um Unterschiede kann überhand nehmen. Eine bestimmte propagierte Identität kann andere wegdrängen und stigmatisieren. Die Methode kann aber auch gewinnen - und zu Offenheit bewegen.