Flüchtlingskrise Wie gefährlich sind die neuen Routen?

IOM-Experte Leonard Doyle geht davon aus, dass aufgrund der Blockaden der Balkan-Route das Geschäft krimineller Schlepperbanden boomen wird: Wo es keine geduldeten Fluchtrouten wie im Fall von Mazedonien gebe, müssten Flüchtlinge nun gefährlichere Wege einschlagen - und sich dabei in die Hände von Schleusern begeben. Aus Bulgarien und Albanien gab es in der Vergangenheit bereits Berichte über Entführungen - und Polizeigewalt. "Wir erwarten schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen", warnt der IOM-Experte.

Überall in Europa könnten Geflüchtete dann an geschlossenen Grenzen sowie in Gefängnissen und Auffanglagern stranden. "Darunter werden die Schwächsten leiden - Frauen und Kinder", sagt Karl Kopp von ProAsyl. Wenn wieder mehr Menschen versuchen, Europa über das Meer zu erreichen, sei darüber hinaus zu befürchten, dass auch wieder mehr Flüchtlinge ertrinken oder in Containern auf Frachtschiffen ersticken.

Was bedeutet Grenzschließung auf dem Balkan für Flüchtlinge in Griechenland?

Trotz der Kälte und des unruhigen Meeres sind in diesem Jahr schon mehr als 100 000 Menschen vor allem aus der Türkei auf die griechischen Inseln übergesetzt. Wenn der Frühling kommt, dürfte diese Zahl wieder ansteigen - in Spitzenzeiten im vergangenen Oktober und November waren es bis zu 10 000 Menschen am Tag.

Wenn die Balkan-Route für viele Flüchtlinge dicht ist, wird es dann zu einem Rückstau in Griechenland kommen. Athen versucht nun, neue Aufnahmelager zu bauen. Ein erstes, noch nicht ganz fertig gestellt, wurde am Mittwoch nahe Thessaloniki eröffnet. Griechenland sieht sich von der EU im Stich gelassen: Ministerpräsident Alexis Tsipras hat angekündigt, keinem EU-Abkommen mehr zuzustimmen, "wenn die Last und Verantwortung nicht im richtigen Verhältnis geteilt" werde.

Auch Menschenrechtsaktivisten beurteilen die Lage als kritisch: "Für das kleine Land ist das zu viel", sagt Bernd Kasparek. Der Migrationsforscher beobachtet die Situation für die Nichtregierungsorganisation Bordermonitoring.eu in Athen. Schon jetzt seien die existierenden Camps heillos überfüllt. Das UN-Flüchtlingshilfswerk geht sogar davon aus, dass die Aufnahmekapazität Griechenlands in wenigen Tagen erschöpft sein wird.

Flüchtlinge in Frankreich: Vom Dschungel in den Sumpf

Tausende warten in einem Hütten- und Zeltdorf in Calais auf eine Gelegenheit, nach England zu entkommen. Jetzt soll das Camp geräumt werden. Reportage von Christian Wernicke mehr...