Flüchtlingshilfe "Wir wollen arbeiten. Man muss uns nur zeigen, wo das hier geht"

Davon, dass immer mehr Flüchtlinge sich engagieren wollen, zeugt auch die Statistik des neuen Bundesfreiwilligendienstes (BFD) mit Flüchtlingsbezug: Seit Jahresanfang gibt es insgesamt 10 000 Plätze, sie stehen jedem offen, der sich für Flüchtlinge engagieren will, Deutschen wie Asylbewerbern. Inzwischen sind knapp 4000 Plätze besetzt, davon ein Drittel von Asylbewerbern. Dabei haben zum BFD nur solche Flüchtlinge Zugang, die bereits eine Anerkennung oder zumindest eine sichere Bleibeperspektive haben. Von dem Geld, das sie für ihre Arbeit dort bekommen, werden staatliche Hilfen abgezogen.

Flüchtlingen, die auf eigenen Faust helfen wollen, macht es Deutschland dagegen nicht leicht. "Migrantenorganisationen stehen vor dem Problem, dass es für sie meist keine strukturelle Finanzierung gibt", sagt Olga Zitzelsberger, die an der TU Darmstadt zu migrantischer Selbsthilfe forscht. "Da sie fast komplett ehrenamtlich getragen sind, müssen sie alles aus eigener Kraft stemmen." Die meisten Ressourcen hätten die etablierten Hilfsorganisationen und Wohlfahrtsverbände, doch deren Kontakt zu hilfswilligen Flüchtlingen sei nicht ausreichend.

Für Susanne Huth vom BBE liegen die Defizite vor allem in der schlechten Vernetzung: "Neu gegründete Helferkreise und alte Organisationen kennen sich zum Teil gar nicht und arbeiten so aneinander vorbei." Abhilfe könnten ihrer Einschätzung nach zum Beispiel Ehrenamt-Koordinatoren schaffen, die in Asylunterkünfte gehen und dort gezielt hilfswillige Flüchtlinge ansprechen.

"Niedrigschwellig" nennen Sozialpädagogen solche Angebote

Wer nicht darauf warten will angesprochen zu werden, muss selbst aktiv werden. Wie Ameen Nasir, der eine Idee hatte, die so einfach wie zeitgemäß ist: Der 24-jährige Syrer hat gemeinsam mit zwei deutschen Freunden einen Verein gegründet, der Deutsche und Flüchtlinge zusammenbringt. Nasir kam vor eineinhalb Jahren nach Deutschland. Zuerst wurde er von einem Asylbewerberheim zum nächsten geschickt. Inzwischen wohnt er in München in einer WG mit syrischen Freunden. Er hat einen Job gefunden und hofft, bald studieren zu können.

Vor einem Dreivierteljahr riefen er und seine Freunde unter dem Namen "Zusammenwachsen" eine Whatsapp-Gruppe ins Leben, der jeder beitreten kann, der Interesse hat. "Wir verabreden uns per Chat für Kino, einen Grillabend oder einen Museumsbesuch", erzählt Nasir. Sobald jemand aus der Gruppe auf Deutsch oder Arabisch einen Vorschlag macht, übersetzen Nasir und seine beiden Mit-Organisatoren die Nachricht. Wer mag, kommt zum Treffpunkt. "Ganz unkompliziert", sagt Nasir. "Niedrigschwellig" nennen Sozialpädagogen solche Angebote.

Für Nasir ist klar: "Wir wollen einfach zusammen eine gute Zeit haben. Weil es egal ist, ob jemand Deutscher ist oder Syrer oder Iraker." Zu den Treffen kämen meist gleich viele Deutsche wie Flüchtlinge. Vor Kurzem haben sie gemeinsam Schloss Nymphenburg besucht, das Gruppenfoto im Chat bekam lachende Smileys. "Meistens reden wir über Fußball, Sport im Allgemeinen, aber auch Politik", erzählt Nasir. Warum er das macht? "Ich bin doch jetzt ein Teil von Deutschland!"

"Im Heim leben die Menschen wie Tiere"

Arezu Akhlaqi suchte lange nach Räumen für ihre Hazara-Gruppe, klopfte bei allen großen Organisationen an, bis sie endlich einen passenden Ort im Gemeinschaftshaus von Bellevue di Monaco fand. Heute treffen sich dort regelmäßig etwa 20 Hazara-Frauen zwischen 20 und 60 Jahren zum Nähen, Kochen und Deutschlernen. Gemeinsam üben sie Fahrradfahren und lernen Schwimmen. "Das ganze Projekt ist nur möglich, weil mir so viele Deutsche geholfen haben", sagt Akhlaqi. Sie habe viel von ihren deutschen Freunden gelernt, nicht nur die Sprache, sondern auch über das Rechtssystem und Gepflogenheiten im Alltag. "Flüchtlinge sind keine behinderten Menschen, wir wollen arbeiten. Man muss uns nur zeigen, wo und wie das hier geht."

Seitdem sie ihre Frauengruppe betreut, habe sie keinen schlechten Tag gehabt, obwohl sie keine Medikamente mehr nimmt. "Viele Deutsche glauben, sobald man als Flüchtling ein Bett in einem Asylheim hat, hat man es geschafft. Dabei fängt es dort erst an", sagt Akhlaqi. "Im Heim leben die Menschen wie Tiere, nur essen und schlafen. Sonst nichts. Das macht auf Dauer krank." Deshalb freut sie sich besonders, wenn junge Männer aus den Münchner Unterkünften in ihren Gruppenraum kommen und fragen, ob sie den Innenhof kehren oder an der Nähmaschine eine Hose kürzen dürfen. Sie mag diesen zufriedenen Gesichtsausdruck, den Menschen bei der Arbeit haben.

Hinweis: Wenn Sie eine Nähmaschine für Arezu Akhlaqis Nähgruppe spenden möchten, leiten wir Ihre Nachricht gerne weiter.

Link-Tipp: Hier finden Sie Informationen darüber, wie Flüchtlinge sich engagieren können.