UNHCR Zahl der Flüchtenden steigt auf Rekordniveau

  • 68,5 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht - so viele wie noch nie.
  • Deutschland liegt auf Platz sechs der Liste der Hauptaufnahmeländer von Flüchtlingen.
  • Die Zahl der in Deutschland gestellten Asylanträge ist deutlich gesunken.
Von Matthias Kolb

Zum fünften Mal in Folge ist die Zahl der Flüchtlinge in aller Welt auf ein Rekordniveau gestiegen. Wegen Krieg, Gewalt und Verfolgungen befanden sich 2017 insgesamt 68,5 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht, meldet das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR in seinem am Dienstag vorgelegten "Global Trends"-Bericht. Migranten, die aus ökonomischen Gründen ihre Heimat verlassen, werden in diesem Report nicht berücksichtigt.

Im Jahr 2017 ist die Zahl der Asylsuchenden in Deutschland erneut deutlich gesunken:

Dementsprechend dankt Dominik Bartsch, der Repräsentant des UNHCR-Hochkommissars in Berlin, dem "wichtigen Aufnahmeland" Deutschland für die Unterstützung - und auch für die finanzielle Hilfe des UNHCR. Gleichzeitig mahnt er im Gespräch mit der SZ dringend an, die politische Debatte wieder sachlicher zu führen. Denn für Deutschland deutet der Trend eindeutig auf Stabilisierung hin: "Im ersten Quartal 2018 sank die Zahl der Asylsuchenden erneut um fast 16 Prozent."

Bartsch beklagt, dass Begriffe wie "Asyltourismus", den CSU-Politiker Markus Söder zuletzt häufig verwendete, dazu führen könnten, dass die Bevölkerung die Integrationsbereitschaft von Geflüchteten nicht weiter unterstütze. "Die aktuelle erhitzte Debatte passt nicht zu den Zahlen, die uns vorliegen", sagt der UNHCR-Repräsentant. Die Zahl der Personen, die vom Vorschlag von Innenminister Horst Seehofer betroffen wäre, sei nämlich "verschwindend klein". Bartsch zufolge sind weniger als 1000 Asylsuchende in der Grenzregion festgestellt - und nur ein Viertel aktenkundig.

In der Liste jener Staaten, die besonders viele Schutzsuchende aufgenommen haben, liegt Deutschland mit einer Flüchtlingspopulation von einer knappen Million auf Platz sechs.

Zwei Drittel aller Flüchtlinge stammen aus nur fünf Ländern: Somalia (986 000), Myanmar (1,2 Millionen), Südsudan (2,4 Millionen), Afghanistan (2,6 Millionen) sowie Syrien (6,3 Millionen).

Dominik Bartsch vom UNHCR wirbt dafür, mehr über "Chancen und Potenzial der Flüchtlinge" zu sprechen. Er bezeichnet die aktuelle Debatte als "paradox" und vermutet, dass einige öffentliche Äußerungen wohl dazu dienen sollten, "Ängste zu schüren". Entscheidend sei es, dass Flüchtlinge nicht als anonyme Bewohner eines Heimes wahrgenommen würden, sondern als konkrete Personen aus der Nachbarschaft. Dabei komme dem Arbeitsleben eine entscheidende Bedeutung zu: "Richtige Integration beginnt mit Jobs, damit es auch Kollegenkontakt mit Flüchtlingen gibt."

Im weltweiten Vergleich liegt Deutschland, was die Zahl der gestellten Asylanträge angeht, deutlich hinter dem Spitzenreiter USA. (Die Zahl der Asylanträge weicht von jener der Asylsuchenden ab, da die Antragstellung oftmals zeitverzögert erfolgt oder die Antragsteller weiterreisen.)

Die aktuelle "Null-Toleranz"-Politik der US-Regierung von Donald Trump, wonach illegale Einwanderer von ihren minderjährigen Söhnen und Töchtern getrennt und diese in Heime gesteckt werden, sieht Dominik Bartsch vom UNHCR mit Sorge. Es sei bedenklich, dass "weltweit immer mehr Signale der Abschreckung" gesendet würden. Das UN-Flüchtlingshilfswerk dringe darauf, dass jeder und jede "das Recht bekommen, seinen Fall darzustellen und ein Schutzgesuch zu stellen". Auch das Ansinnen der ungarischen Regierung von Viktor Orbán, Anwälte und Aktivisten zu kriminalisieren, wenn diese Flüchtlinge helfen oder ihnen Rechtsbeistand geben, kritisiert Bartsch scharf.

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