Flüchtlinge Warum immer mehr Frauen und Kinder nach Europa flüchten

Doch wo liegen die Ursachen für den Wandel? Und spielen dabei auch die Pläne der Bundesregierung, den Familiennachzug zu erschweren, eine Rolle? Diese Pläne hat das Kabinett am Mittwoch im Zuge des Asylpakets II auf den Weg gebracht. Wegen der hohen Zahl an Flüchtlingen soll der Familiennachzug für solche mit eingeschränktem Schutz, für die kein individueller Asylgrund vorliegt, demnach für zwei Jahre ausgesetzt werden. Für Angehörige syrischer Flüchtlinge soll allerdings eine spezielle Lösung gefunden werden, wonach sie über Kontingente nach Deutschland geholt werden - Voraussetzung sind allerdings EU-Verträge.

Für Marei Pelzer, rechtspolitische Sprecherin von Pro Asyl, sind die Ursachen für die zunehmende Zahl an Flüchtlingsfrauen und -kindern klar. "Das ist eine Form des Familiennachzugs über den gefährlichen Weg", sagt sie. Frauen wollen zu ihren Ehemännern. Andere flüchten gleich gemeinsam mit ihren Männern. Und den Kindern. In ihren Herkunftsländern, aber auch in den Flüchtlingslagern in den angrenzenden Staaten, in Jordanien oder dem Libanon, hätten sie keine Perspektive.

Diese Sichtweise bestätigen auch in Deutschland lebende Flüchtlinge. Seine Familie auf legalem Weg hierher zu bringen, brauche schon jetzt viel Zeit. Und in Syrien gäbe es Tausende Familien, die ohne die Väter lebten. Und ohne Hoffnung, dass sich ihre Lage verbessere. Es gäbe darüber eine breite Diskussion unter den in Deutschland lebenden Flüchtlingen.

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Pelzer von Pro Asyl zeigt sich überzeugt, dass die politischen Diskussionen in Deutschland - immerhin einem Hauptziel vieler Schutzsuchender - einen Einfluss auf die Flüchtlingsbewegungen haben. "Alle Begrenzungsdebatten werden wahrgenommen, sei es die um den Familiennachzug oder auch die um die Obergrenze", sagt sie.

Aus dem Bundesinnenministerium heißt es hingegen auf Anfrage, für einen Zusammenhang zwischen der innerstaatlichen Debatte und der Zusammensetzung der Flüchtlingsgruppe, also der vermehrten Flucht von Frauen und Kindern, lägen dort "keine Anhaltspunkte" vor.

"Das treibt die Menschen auf die Boote"

Auch bei Amnesty International zweifelt man eher daran, dass der jetzt zu beobachtende Wandel bereits mit dem geplanten Asylpaket II zusammenhängt. Wiebke Judith, Expertin für Asylrecht und Aslypolitik bei der Menschenrechtsorganisation, befürchtet aber deutliche negative Auswirkungen, wenn das Gesetz tatsächlich beschlossen wird.

Mit einer Aussetzung des Familiennachzugs werde einer der sicheren Zugangswege nach Europa eingeschränkt, sagt sie. Amnesty geht einer Mitteilung zufolge von folgendem Szenario aus: In der Praxis führt die Beschränkung des Familiennachzugs und die lange Bearbeitungszeit von Asylanträgen zu einer mehrjährigen Trennung von Familien.

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"Wir gehen davon aus, dass eine Begrenzung zur Folge hat, dass mehr Menschen, die vom Familiennachzug profitieren würden, vor allem Kinder, sich auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer oder die Ägais machen", sagt Judith.

Die geplanten Kontingente seien eine Möglichkeit für sicheren und legalen Zugang nach Europa. "Sie sind aber kein Ersatz für Familiennachzug und kein Ersatz für individuelle Asylanträge, sondern können nur eine zusätzliche Maßnahme sein."

Pro Asyl hält die Kontingentlösung für "sehr wichtig", wie Sprecherin Pelzer sagt. Allerdings käme sie zeitlich zu spät. Die Debatte über die Aussetzung des Familiennachzugs und eine Obergrenze löse bei Flüchtlingsfamilien Panik aus, dass sie über lange Zeit getrennt bleiben müssten. "Das treibt die Menschen auf die Boote."

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