Flüchtlinge Hilflose Helfer

In dem Flüchtlingscamp Yarmouk in Syriens Hauptstadt Damaskus warten Bewohner auf Essensrationen.

(Foto: Taghrid Mohammed/Reuters )

Die Präsidentin des Welt-Ernährungsprogramm im Gespräch - über die Aufgabe , 52 Millionen Flüchtlinge weltweit zu versorgen. Ohne den nötigen Etat dazu.

Von Andrea Bachstein, Berlin

Die Finanzlage der Hilfsorganisationen, die Flüchtlinge betreuen, wird immer prekärer, zugleich steigt die Anzahl der Menschen, die auf deren Hilfe angewiesen sind. Besonders spitzt sich die Situation für die Syrer zu. Die britische Organisation Oxfam schätzt, dass 2015 rund 8,7 Milliarden US-Dollar benötigt werden, um 18 Millionen Menschen in Syrien und in benachbarten Ländern mit lebensrettender Hilfe zu unterstützen.

"In den ersten drei Monaten dieses Jahres konnten erst 9,8 Prozent der für 2015 benötigten Mittel aufgebracht werden. Am Wochenende haben deshalb auch UN und Rotes Kreuz Alarm geschlagen. Mit gleicher Sorge blickt Ertharin Cousin, die Präsidentin der größten Hilfsorganisation der Welt - des Welternährungsprogramms WFP - auf die nächsten Monate. Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung sagte sie in Berlin, dass das Geld für die etwa 1,3 Millionen syrischen Flüchtlinge in Jordanien nur bis April reicht. In anderen Ländern wie dem Irak, wo das WFP sowohl vor der Terrormiliz Islamischer Staat geflohene Iraker wie Syrer mit Lebensmittelhilfe betreut, reicht das Geld etwas länger, was mit Vorgaben der Geber zu tun hat. Aber überall, auch in Libanon mit ebenfalls gut 1,2 Millionen Flüchtlingen, geht das Geld in den kommenden Monaten zur Neige.

Das WFP habe seine Leistungen bereits seit Januar zurückfahren müssen, sagte Cousin. Das heißt für die Syrer in Syrien, wohin das WFP Lebensmittel schickt, weil die Märkte des Landes nicht ausreichen, dass die Rationen gekürzt sind. Statt Paketen mit 2100 Kalorien pro Tag und Kopf, die das WFP für nötig hält, liefert es nur noch 1300 Kalorien. "In den Boxen sind Nudeln, Reis, Mehl", sagt Cousin, "wir haben das Dosenfleisch rausgenommen, statt drei Dosen Bohnen gibt es eine. So ist das." Und die Syrer in den Nachbarländern, die Geldkarten erhalten, um sich in Läden zu versorgen, finden weniger Dollar auf ihren Karten. In Libanon wurden sie von 25 Dollar pro Monat auf 19 gesenkt. Trotz der reduzierten Leistungen, sagt Cousin, "müssen wir jetzt auch auswählen." Das heißt, den Kreis der Hilfeempfänger einschränken, "wir können nur noch die Bedürftigsten versorgen." 36 000 Leute haben sie bereits informiert, dass sie von April an nichts mehr bekommen. Und das, obwohl nach bis zu fünf Jahren Flucht bei immer mehr syrischen Flüchtlingen die Mittel erschöpft sind. Um die syrischen Flüchtlinge über das erste Halbjahr 2015 zu bringen, fehlen dem WFP 158 Millionen Dollar, sagt die Präsidentin. Sie weigere sich zu sagen, dass sie das Geld nicht noch bekommt. Doch das WFP stehe schlechter da als vor einem Jahr. Damals fehlte zwar auch Geld, aber es lagen mehr Zusagen vor - das WFP ist komplett von Spenden abhängig. 98 Prozent dieser Spenden kommen von Regierungen.

Vergangenen Dezember musste das WFP seine Lebensmittelhilfe kurzzeitig aussetzen - "eine drakonische Maßnahme", wie Cousin sagt. In einem dreitägigen Spendenappell gelang es dann, so viel zusammenzubekommen, dass weitergemacht werden konnte. Sie sage weiterhin, "die Welt ist großzügig", so Cousin, sie spreche schließlich für eine Organisation, die 2014 von freiwilligen Gebern 5,4 Milliarden Dollar erhalten habe. "Nur leider war der Bedarf letztes Jahr 7,4 Milliarden Dollar. Wir befinden uns in einer beispiellosen Lage, so etwas hat es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben."

Das Jahr 2014 mit rund 52 Millionen Flüchtlingen weltweit war extrem - und Cousin sagt, dass es 2015 nicht besser werden wird. Alle Krisen und Konflikte von 2014 dauern an. Syrien, Irak, Südsudan, Zentralafrika und die von Ebola betroffenen Länder. Dazu gekommen sind für Cousins WFP die Ukraine, wo es in den Kampfgebieten vor allem alte Menschen oder alleinerziehende Mütter gebe, denen sie mit Geldkarten helfen müssen, weil sie nicht genug Essen kaufen können. Durch den Kampf gegen IS hat sich die Lage im Irak zugespitzt. In Afrika, vor allen Dingen in Nigeria, hat die Terrorgruppe Boko Haram die Flüchtlingslage verschlimmert.

Weil sie ständig Lebensrettung leisten müsse, sagt Cousin, leiden die mittel- und langfristigen Arbeiten des WFP, die in Zukunft nachhaltig Hungersituationen vermeiden sollten. Kleinbauernprogramme, Schulspeisungen, Infrastrukturhilfen: All das sind Aufgaben des WFP. Aufgaben, die wesentlich sind, um das UN-Millenniumsziel "Zero Hunger" zu erreichen. Weder für die Nothilfe noch für die Zukunftsprojekte habe der WFP mittlerweile genug Mittel.

Grund seien vor allem bewaffnete Konflikte innerhalb von Ländern. Das Szenario habe sich seit 2011 geändert. Hätte man sie damals gefragt, hätte sie gesagt, so Cousin, "es geht darum, Vorsorge zu treffen für die Folgen des Klimawandels." Dürren, Überschwemmungen, Stürme. Doch seit zwei Jahren sind die Folgen von Terror und Krieg die Haupteinsatzgründe der 14 000 WFP-Mitarbeiter. Hunger sei ein Faktor für die Sicherheit auf der Welt, sagt Cousin: "Was geht in einem Kind vor, das über die Medien ständig sieht, was andere haben? Und wir sind unfähig, dieses Kind mit Essen zu versorgen. Das ist ein Sicherheitsproblem, für das wir uns alle verantwortlich fühlen müssen."