Flüchtlinge Nach der Willkommensparty kommt der Alltag

Flüchtlinge warten in Berlin auf ihre Registrierung.

(Foto: AFP)

Immer wieder kommt es in Flüchtlingsunterkünften zu Massenschlägereien. Sie lassen erahnen, vor welchen Schwierigkeiten das reiche, wohlgeordnete Deutschland steht.

Kommentar von Matthias Drobinski

Die ersten Schläge fallen meist vor der Essensausgabe oder vor der Toilette, dort, wo drängende menschliche Bedürfnisse auf Engpässe treffen. Einer drängelt, Verwandte oder Landsleute eilen zur Hilfe, es explodiert die Gewalt. In der Flüchtlingsunterkunft Kassel-Calden prügelten sich so mehrere Hundert Pakistaner und Albaner, 50 Polizisten mussten anrücken, 14 Menschen wurden verletzt. Es ist bei Weitem nicht die einzige Massenschlägerei unter Flüchtlingen. In Leipzig waren es 200, in Ellwangen 150, in Dresden hundert; im August gab es in Suhl 17 Verletzte.

Die Willkommensparty in München, Berlin und anderswo war schön. Sie hat ein großzügiges und offenes Deutschland gezeigt, auf das man stolz sein kann; an der Spitze eine Kanzlerin, die von sich selbst überrascht wirkte, dahinter Zehntausende freiwillige Helfer, die ohne groß zu fragen Türen und Herzen öffneten.

Jetzt aber geht das Licht an und der Alltag weiter. In diesem Alltag gibt es überfüllte Flüchtlingsunterkünfte, Kommunen wie Polizisten geraten an ihre Grenzen. In diesem Alltag gibt es skandalöse Geschichten: Muslime mobben Christen, Sunniten pöbeln gegen Schiiten, Araber verachten Schwarzafrikaner, tschetschenische Islamisten bedrängen liberale Syrer, Männer betrachten Frauen als Jagdwild. Nicht alle Flüchtlinge macht es friedlich und freundlich, wenn sie von einem friedlichen und freundlichen Deutschland empfangen werden.

In den überfüllten Lagern zetteln junge Männer Schlägereien an

Das sind nicht die Aussichten auf den Bürgerkrieg, wie es nun die Fremdenfeinde von der NPD posaunen, die Verschwörungstheoretiker im Netz raunen, besorgte Bürger ängstlich fragen. Die Massenschlägereien entstehen, weil junge Männer - die meisten Flüchtlinge sind junge Männer - auf engem Raum und ohne Rückzugsmöglichkeit leben. Viele sind traumatisiert. Für viele ist Gewalt selbstverständlich, sind religiöse, ethnische und kulturelle Unterschiede ein Ventil für Aggressionen.

Fast alle Schlägereien entstehen in den großen Einrichtungen, wo es an Personal fehlt und an Sprachkenntnissen. Die Flüchtlinge getrennt nach Nationalität und Religion unterzubringen, wie das die Gewerkschaft der Polizei fordert, kann manchmal helfen - insgesamt aber müssen die Einrichtungen kleiner werden, braucht es Betreuer und Sicherheitsdienste, die wissen, wann sie robust und wann sie sensibel auftreten müssen.

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Die Schlägereien in den Unterkünften lassen aber ahnen, vor welchen Schwierigkeiten auch eine reiche, wohlgeordnete und zivil weitgehend gefestigte Gesellschaft steht, wenn es gilt, eine Million und mehr Menschen im Land aufzunehmen. Ja: Es kommen gut ausgebildete Ingenieure, Ärzte, Betriebswirte. Es kommen aber auch Analphabeten, die ratlos vor der neuen Welt stehen. Es treffen hoch religiöse Muslime - und auch Christen - auf eine religiös indifferente Gesellschaft.

Neuankömmlinge mit rigiden Moralkodizes müssen ertragen lernen, dass in Deutschland schwule Paare sich öffentlich küssen dürfen. Und nicht alle, die auf Freiheit, Wohlstand und Glück hoffen, werden frei, wohlhabend und glücklich werden; je traditioneller das Selbstbild vor allem der jungen Männer ist, umso schwerer wird es für sie, dies auszuhalten.

Es wird ein großes Tasten und Suchen werden

Es gibt aber auch ein Leben nach der Willkommensparty. Als vor 50 Jahren die ersten Arbeiter aus der Türkei mit Lorbeerkränzen und Blasmusik begrüßt wurden, da blendeten die Deutschen alle Probleme aus - die fleißigen Arbeiter aus der Fremde würden bald wieder verschwunden sein. Jetzt besteht die Chance, nicht alle Fehler zu wiederholen.

Die Menschen werden überwiegend bleiben. Es braucht jetzt muslimische Sozialarbeiter und Polizisten, islamischen Religionsunterricht und Moscheegemeinden, die zeigen, dass in Deutschland Religion und plurale Gesellschaft zusammengehören. Es braucht Städtebauprogramme und ein Quartiersmanagement, Fachleute in den Kindergärten, Schulen, in der Lehrlingsausbildung. Die Wirtschaft wird vom neuen Potenzial an Arbeitskräften profitieren und sollte sich entsprechend an der großen und nicht ganz billigen Aufgabe beteiligen.

Es wird ein großes Tasten und Suchen werden, wie das nun einmal ist, wenn eine Aufgabe in dieser Größe auf ein Land zukommt. Wie sehr das Land dieses Tasten und Suche erträgt, wird davon abhängen, wie identitätsstark es ist, wie sicher seiner Wurzeln und Grundsätze. Je selbstbewusster es sich als freie und plurale Demokratie versteht, in der verschiedene Kulturen und Religionen ihren Platz und ihre Grenze haben, desto eher wird sie erfolgreich tasten. Eine Gesellschaft mit kollektiver Ich-Schwäche neigt zur Fremdenfeindlichkeit, hat schon Theodor Adorno erkannt. Ein Land, das sich seiner selbst bewusst ist, kann aber getrost das Leben nach der Willkommensparty angehen.

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