Flüchtlinge Das Leid der Flüchtlinge stützt Merkels Kurs

Es gehört zur bitteren Ironie, dass sich Europa nur bewegt, wenn es die Krise spürt und Schaden fürchten muss. So wie jetzt in Griechenland.

Kommentar von Stefan Kornelius

Eine sehr deutsche Sache ist diese "verdammte Pflicht und Schuldigkeit". Sie macht den Akteur zum Opfer höherer Mächte und entlässt ihn damit ein bisschen aus der Verantwortung. Wenn also die Bundeskanzlerin, wie nun geschehen, diese höhere Macht beschwört und sehr teutonisch in der Flüchtlingskrise ihre Pflicht zu erledigen verspricht, dann bekommt sie für diesen Ausspruch vor allem in Deutschland Respekt gezollt.

Im Europa-Ausland hingegen lief Angela Merkel lange Zeit Gefahr, sturköpfig zu erscheinen. Hier halten sich hartnäckig zwei Deutungen: Erstens habe Merkel die Flüchtlinge eingeladen. Und zweitens habe sie sogar die Grenzen geöffnet. Der österreichische Verteidigungsminister versuchte sich an der tagesaktuellen Variante dieses Verantwortungsgeschiebes, als er am Montag sagte, Merkel könne ja die in Griechenland gestrandeten Menschen direkt nach Deutschland holen, wenn ihr die Obergrenze seines Landes nicht passe.

Neu ist nicht die Öffnung, sondern die Schließung der Grenzen

Auf diese Vorwürfe gibt es zwei knappe Erwiderungen: Die Flüchtlinge musste man nicht einladen, sie waren bereits im Herbst 2015 zu Hunderttausenden angekommen und wären auch ohne ein Selfie der Kanzlerin weiterhin in den Gemeindeturnhallen gelandet. Und zweitens hat Deutschland die Grenzen nicht geöffnet, denn die waren bereits offen - so wie es der Schengen-Vertrag vorsah.

Gesichter, aus denen Verzweiflung spricht

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Neu ist jetzt hingegen die Schließung der Binnengrenzen. Wer also wie Österreich die Übergänge dichtmacht, der startet einen europapolitischen Hochrisiko-Versuch, dessen Resultat nun in Griechenland zu bewundern ist. Kommen nach Tränengas und Gewalt nun Aufruhr und Extremismus? Merkel wusste, wovon sie sprach, als sie im Herbst düster vor einem Krieg auf dem Balkan warnte.

Keiner musste sich um die Außengrenzen oder die Verteilung kümmern

Den EU-Regierungschefs ist beim vergangenen Gipfel aufgegangen, dass sie weit mehr als nur die Reisefreiheit aufs Spiel setzen, wenn überall die Schlagbäume runtergehen. Nach der Volksweisheit beißen dann bekanntlich den Letzten die Hunde, in diesem Fall also Griechenland oder Italien. Die europäische Weisheit geht aber tiefer: Wenn die Gemeinschaft das schwächste Glied im Stich lässt, dann wird sie selbst schweren Schaden nehmen.

Wäre Deutschland dem Rat Horst Seehofers gefolgt und hätte die Flüchtlinge zurückgeschickt, dann hätte man die Regierung Merkel für den Kollaps der Schengen-Zone mit allen Folgen verantwortlich gemacht. Dieses Risiko wollte die Kanzlerin nicht eingehen. So entstand eine bequeme Situation in der EU: Die Menschen kamen weitgehend ungehindert nach Deutschland, das aus Sorge vor den europäischen Errungenschaften keine Härte zeigen konnte und nur an Vernunft und Gemeinsinn appellierte. Die meisten EU-Partner, inklusive Griechenland, waren fein raus, keiner musste sich um Außengrenzen oder die Verteilung kümmern - Deutschland würde die Sache schon schaffen.

Die Bereitschaft, mit der Türkei eine Abmachung zu schließen, steigt

Es ist Merkels größtes Problem, dass sie sich in einer höheren Verantwortung für Europa sieht, während viel zu lange Zeit niemand in Europa diese Sorgen um die Gemeinschaft teilen mochte. Das ändert sich nun langsam, aber bestimmt nicht mithilfe eines Fernsehauftritts, sondern nur durch die Kraft der Ereignisse.

Es gehört zur bitteren Ironie der vergangenen Wochen, dass erst die Obergrenze in Österreich und nun das Chaos in Griechenland eine Ahnung davon schaffen, wie gefährlich die Krise für die Substanz der EU ist. Jeder Flüchtling am Stacheldraht von Mazedonien wird die Bereitschaft steigern, in einer Woche eine Abmachung mit der Türkei zu schließen und die Schlepper-Mafia zu bekämpfen. In einer Fernsehsendung lässt sich dieses komplizierte Gebilde von Druck und Gegendruck nicht beschreiben. Offenbar muss man es spüren.

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