Flüchtlinge "Bei uns werden die Menschen regelrecht abgeladen"

Münchner Tafel verteilt Lebensmittel, 2006 Bedürftige Menschen stehen bei der Ausgabestelle einer Münchner Tafel in der Isartalstraße Schlange und warten auf kostenlose Lebensmittel.

(Foto: CATH)
  • Immer mehr Menschen bitten bei den Tafeln um Lebensmittel, darunter viele Flüchtlinge.
  • Die mit Spenden betriebenen Tafeln fühlen sich von den Behörden im Stich gelassen.
  • Staatliche Stellen kalkulieren offenbar mit der ehrenamtlichen Hilfe.
Von Benedikt Peters

Elisabeth Spöttle ist nicht wohl dabei. Aber sie hat jetzt doch das neue System eingeführt, das mit den roten und grünen Karten. Die Menschen mit den grünen Karten dürfen zu bestimmten Zeiten einkaufen kommen, die mit den roten zu anderen. Wer die falsche Karte dabei hat, wird abgewiesen. "Das ist blöd, aber anders war es nicht mehr zu machen. Es war so katastrophal voll", sagt Spöttle. Sie leitet den Tafelladen in Schramberg, einem Städtchen im Schwarzwald. Dort geben sie Lebensmittel an Bedürftige, für zehn Prozent des Kaufpreises.

Im August ging es los. An einem Morgen kamen nicht mehr 50 Menschen in den Tafelladen, sondern 70. Am nächsten Tag 80, später dann 100. Unter den neuen waren viele aus anderen Ländern, sagt Spöttle: Aus Somalia, Albanien, Eritrea, Syrien. In Schramberg leben derzeit 205 Flüchtlinge. Dass mittlerweile viele von ihnen in den Tafelladen kommen, stört Spöttle nicht: "Wir wollen allen Menschen helfen." Aber sie macht sich Sorgen. "Wenn es so weitergeht, reichen irgendwann die Lebensmittel nicht mehr."

Die Behörden tragen eine Mitschuld

Schramberg ist kein Einzelfall. "Viele Tafeln sind an ihrer Belastungsgrenze", sagt Jochen Brühl, Vorsitzender des Tafelverbands. Ihm zufolge unterstützen die Tafeln 150.000 Flüchtlinge zusätzlich zu den etwa eine Million Nutzern täglich mit Lebensmitteln. Bei einzelnen Tafeln im Süden und in Nordrhein-Westfalen sei die Situation dramatisch. Nach SZ-Recherchen bemühen sich die meisten Tafeln dennoch, allen Bedürftigen gerecht zu werden. Die Entscheidung aus Dachau, keine Lebensmittel an Flüchtlinge zu geben, ist eine Ausnahme.

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Dennoch könnten die Tafeln bald vor einem Dilemma stehen. Die Ressourcen der Einrichtungen sind oft knapp. Sie finanzieren sich nahezu ausschließlich aus Spenden, fast alle Mitarbeiter sind Ehrenämtler. Wenn die Kapazitäten nicht mehr reichen, könnten in Zukunft Menschen abgewiesen werden.

Dem Verbandsvorsitzenden Brühl zufolge haben die deutschen Behörden eine Mitschuld daran. "Staatliche Stellen schicken die Menschen zum Teil ganz bewusst zu unseren Ausgabestellen", sagt der Tafelverbandsvorsitzende Brühl. "Eine unlautere Praxis" sei das, schließlich bekämen die Tafeln von staatlicher Seite kaum Unterstützung. "Bei uns werden die Menschen regelrecht abgeladen."