Flüchtlinge auf Wohnungssuche Wenn die Deutschen Schlange stehen, verdrücken sich die Syrer

Die Wohnungssuche in Berlin und anderen Städten ist schwierig - besonders für Asylbewerber.

(Foto: dpa)

Wenn man anfängt zu suchen, hat man noch Ansprüche: Über die Wohnungssuche in Berlin, die für Flüchtlinge noch schwieriger ist als für alle anderen.

Von Yahya Alaous

"Hast du schon eine Wohnung in Berlin?" Dieser Satz stammt weder von einer Immobilienfirma noch aus einer Werbekampagne für die Hauptstadt - es ist einfach der Einstiegssatz eines jeden Gesprächs unter syrischen Geflüchteten in Berlin.

Ich weiß von Menschen, die seit mehr als zwei Jahren versuchen, etwas zu finden, andere teilen sich beengte Verhältnisse mit Fremden, ganz wenige nur waren so glücklich, nach einigen Monaten in Berlin schon etwas zu finden.

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 42-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

Verstehen Sie mich nicht falsch: Jeder, der in Berlin auf die Suche nach einer Bleibe geht, hat es nicht leicht. Wir Syrer haben allerdings noch Extra-Probleme. Nämlich dass wir keine Beziehungen zu eventuellen Vermittlern im Freundeskreis haben, dass wir die Sprache der Internet-Suchportale meist noch nicht verstehen, und vor allem, dass wir nicht selbständig mit den Anbietern kommunizieren können.

Bei der fünfzehnten Ablehnung beginnt man wieder zu viel zu rauchen

Wenn man anfängt zu suchen, hat man noch Ansprüche: Stadtrandlage ist nicht akzeptabel, natürlich soll es ein schöner Berliner Altbau mit Balkon sein, und selbstverständlich wünscht man sich eine schöne große Küche. Nach der fünften oder sechsten Ablehnung ist der Wunsch-Balkon nicht mehr so wichtig. Nach der zehnten Ablehnung sagt man sich, dass der öffentliche Personennahverkehr ja meistens wunderbar funktioniert und die Wohnung natürlich in schönster Randlage in Lichtenrade oder Wannsee sein darf, innerhalb von 45 Minuten kommt man ja überall hin.

Bei der fünfzehnten Ablehnung beginnt man dann wieder zu viel zu rauchen, wie zuletzt in Syrien. Dann ruft man doch die Nummer des Maklers an, über den ein Freund eine Wohnung gefunden hat, und beginnt auf seine Angebote einzugehen. Ob man nicht doch einmal das kleine Apartment, welches er für 1000 Euro monatlich zur Miete anbot, besichtigen könne? Und wenn er nicht zurückruft: spricht man auf die Mailbox und bietet 2000 Euro, die man sich ja irgendwie zusammenleihen könnte, nur um mit der Familie erstmal raus aus dem "Heim" (Übergangswohnheim nach dem Erstaufnahmelager; Anm. d. Red.) zu kommen.

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Aber nicht einmal dieses verzweifelte Vorgehen garantiert das Finden einer Wohnung. Es ist alles noch viel komplizierter. Nach vielen täglichen Enttäuschungen sieht man sich vor die Wahl gestellt: Entweder man versucht es mit noch viel mehr Geld oder man geht in eine andere Stadt.